Tagesarchiv: 10. Januar 2015

Varkala – Fest in russischer Hand!

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10. Januar – Tag 28

Um halb Elf mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof – per Motor-Rikscha. Für kürzere Strecken ist das einfach unbestritten das beste und günstigste Transportmittel.

Am Bahnhof angekommen, bietet sich das gewohnte Bild von Dutzenden von wartenden Reisenden, die hier bis zur Abfahrt ihres Zuges die Zeit verbringen und sich häuslich niedergelassen haben, auf Decken auf dem Boden zusammensitzen und essen oder einfach nur schlafen – mitten im Bahnhof… und auch auf dem Bahnhofsvorplatz unter freiem Himmel!

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Nach der Auskunft des Beamten am Informationsschalter fährt mein Zug von Gleis 5 ab. So etwas wie einen Fahrplan-Aushang gibt es hier zwar schon, aber da stehen nur die Ankunfts- und Abfahrtszeiten drauf – nicht jedoch das entsprechende Gleis.

Mein Zug steht dann auch schon am Bahnsteig bereit… und ich finde schnell die für mich reservierte Liege im Wagen S1, welche jedoch von einer indischen Familie okkupiert wird.

Mit Händen und Füßen versuche ich zu erklären, dass sie auf meiner Liege sitzen würden… denn niemand von ihnen spricht englisch. Doch die Ehefrau lächelt mich nur an mit dem Ausdruck, dass das doch nicht so schlimm sei – was ich aber durchaus anders empfinde. Schließlich würde ich mich gerne dort niederlassen – und mich im Idealfall eigentlich auch gerne hinlegen.

Ich schlage vor, dass wir unsere Liegen tauschen. Ich nehme die obere von den drei Liegen, welche eigentlich von der Familie reserviert sind und dafür könnten sie ja meine untere Liege haben. Aber die Dame gibt mir deutlich zu verstehen, dass das nicht funktionieren würde – weil dort oben ja ihr Ehemann in Ruhe schlafen müsste.

An diesem Punkt müsste ich eigentlich etwas weiter ausholen… Die klassische, indische Gesellschaft war und ist bis heute eine patriarchalische. Mit der Konsequenz, dass es das höchste Ziel der Frau ist, ihrem Ehemann zu Diensten zu sein… und für ihn das Leben so bequem wie nur möglich zu gestalten. Trotz der neuen Rollenbilder in den Mittelschichten hat sich an diesem grundsätzlichen Verständnis noch nicht viel geändert. Ohne jetzt noch weiter auszuschweifen, ist diese Frau also nur ihrem klassischen Rollenbild gefolgt. Mir die – vermeintlich – bequemere, obere Liege abzutreten, war für sie somit keine Option.

Lange Rede, kurzer Sinn… nach meinem weiteren Drängen räumen sie schlussendlich meinen Platz. Die Ehefrau verbringt dann die Nacht – gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter und ihrer Schwiegermutter – auf der gegenüberliegenden, unteren Liege. Alles in allem für mich eine befremdliche Situation… aber mit dem gesellschaftlichen Hintergrund einfach nachzuvollziehen. Indien ist in vielerlei Hinsicht eine andere Welt, in der andere Grundsätze und Gebräuche gelten – wenn auch manche hiervon für mich nur schwer nachzuvollziehen sind. Aber auch deshalb bin ich hier, um genau so etwas zu erleben, um das tägliche Leben zu sehen… und genau deshalb will ich mich nicht in eingezäunten Touristenenklaven in einer Scheinwelt aufhalten.

Mit einer halben Stunde Verspätung geht es um 23:30 Uhr los. Die Nacht ist unspektakulär… wenn auch wenig komfortabel – ich schlafe wieder halb auf meinem Rucksack. Aber sicher ist sicher. Wenigstens wird es – trotz geöffneter Fenster – nicht wirklich kalt im Waggon… und der von mir vorsichtshalber bereitgelegte Schlafsack dient eher dazu mir selbst ein Minimum an Behaglichkeit vorzugaukeln – und weniger um der Kälte zu trotzen.

Als ich um Halb Sieben wach werde, ist es draußen schon hell. Es ist diesig… und es sieht aus wie im Urwald – dichte Palmenwälder säumen die Eisenbahnstrecke. Auf der Landkarte versuche ich unsere genaue Position zu orten – gar nicht so einfach ohne GPS. Außerdem hält der Zug – da es sich um keinen Express sondern nur um einen Passenger-Train handelt – an jedem Bauernhof. Mir ist es ein Rätsel, wie wir die gesamte Strecke überhaupt bewältigt haben bei den ewigen Zwischenstopps. Und auf der Landkarte sind natürlich gar nicht erst alle Bahnhöfe eingezeichnet. Aber gelegentlich kann ich dann doch den einen oder anderen Ort ausmachen… und es ist nicht mehr weit bis Varkala.

An einem (etwas) größeren Bahnhof kommt ein Chai-Wallah – ein Tee- und Kaffeeverkäufer – durch den Zug. Ein Kaffee wäre nicht schlecht jetzt – aber eigentlich habe ich nur noch große Scheine in der Tasche. Und einen Kaffee für 8 Rs. mit einer 500 Rs.-Note zu bezahlen stößt hier selten auf viel Gegenliebe. Das kann so ein fliegender Verkäufer niemals wechseln… und meine letzten kleinen Scheine habe ich gestern Abend dem Motor-Rikscha-Fahrer für die Tour zum Bahnhof gegeben.

Irgendwie habe ich aber wohl schon instinktiv genickt, als ich den Mann vor mir habe stehen sehen… denn schon hat er mir einen Becher mit dem dampfenden Getränk hingestellt. Ich greife also – eher aus Verzweiflung – in meine Hosentasche auf der Suche nach irgendwelchen Restbeständen an Kleingeld – und fördere noch genau 8 Rs. in Münzen zutage. Unglaublich – aber wie sagt man: Das Glück ist mit den Doofen!

Als wir ankommen in Varkala – natürlich mit Verspätung – ich muss meine These über die Pünktlichkeit der indischen Eisenbahn wohl revidieren – empfängt uns schon die übliche Meute von Taxi- und Motor-Rikscha-Fahrern. Hier gibt es offensichtlich etwas besonderes – denn an den vorherigen Haltepunkten war von so einem Trubel nichts zu sehen.

Mit einem koreanischen Paar teile ich mir ein Taxi zu den Klippen – zu der Gegend, in der auch alle Guesthouses liegen. Man merkt schon im Reiseführer, dass dies hier eine stark vom Tourismus geprägte Ecke ist – denn die Preise für Unterkünfte haben sich mal eben verdoppelt. Aber ich habe – mal wieder – Glück beim ersten Versuch… und kann den Preis sogar noch von 1.000 auf 900 Rs. runterhandeln (Oceanic Beach Residency – wirklich empfehlenswert, falls ihr mal in der Ecke seid).

Ich habe übrigens kurzfristig meine Pläne geändert… denn nach dem Großstadt-Trubel in Madurai brauche ich dringend mal wieder ein Alternativprogramm… und da kommt mir so ein Tag am Strand wirklich gelegen!

Nachdem ich also mein Gepäck im Hotelzimmer verstaut habe, mache ich mich auf den Weg zu den Klippen und zum Strand… vorbei an unzähligen Souvenirbuden und Cafés…

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Die Szene am Strand wird fest dominiert von westlichen Touristen – vornehmlich Russen, wie sich herausstellt… und unterscheidet sich nur geringfügig von jedem anderen westlichen Strand – mal abgesehen von einer Handvoll Inder, die hier eher einen verlorenen Eindruck machen in ihrer vollen Montur – mit Hemd und langer Hose oder buntem Sari… bis zu den Knöcheln im Wasser.

Dass man sich als westliche Frau in diesem kulturellen Umfeld allerdings nur im knappen Bikini bekleidet zur Schau stellt, empfinde ich dann doch als reichlich unangebracht!

Hier gibt es sogar einen Bademeister – mit Trillerpfeife natürlich – und ein „Aufräumkommando“, das den Strand säubert und in Schuss hält. Willkommen in der touristischen Realität!

Ich selbst komme mir jedoch auch etwas deplatziert vor unter all diesen (fast) nahtlos gebräunten Körpern – mit meinem kalkblassen, Fleisch-farbigen T-Shirt… aber die Herrschaften hier am Strand haben auch ganz sicher nicht solche vier Wochen hinter sich, wie ich das nunmal habe. Somit: Alles ist gut! Ich kann damit leben!

So… und jetzt ziehe ich die Badehose an und gehe schwimmen im Arabischen Meer… ich hoffe, ihr müsst nicht zu sehr leiden – bei dem Gedanken und der Kälte bei euch!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

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P.S.: Das bin NICHT ich! Nur um eurer Verwirrung vorzubeugen! Diese „Technik“ des Sonnenbadens ist mir auch neu…

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