Tagesarchiv: 13. Januar 2015

Kochi – Super-Fast-Express

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11. Januar – Tag 29

Der Morgen ist entspannt… ich genieße die touristische Infrastruktur und gönne mir ein westliches Frühstück… unter Palmen mit Blick auf das Meer! So muss das sein!

Aufgefallen ist mir dabei noch die Tatsache, dass sich die meisten indischen Touristen hier deutlich westlich kleiden – mit T-Shirt und Shorts, während die meisten westlichen Touristen eher so einen indischen Ethno-Look mit Saris, Tuchkleidern und wallenden Hosen favorisieren. Das „Exotische“, das „Andere“ kann also ganz verschieden aussehen – alles nur eine Frage des eigenen Standpunktes. Aber eine Faszination übt es wohl immer auf jeden aus!

Dann geht es zum Bahnhof. Der „Kerala Super-Fast-Express“ soll mich in gut vier Stunden Fahrt nach Kochi bringen. Das Ticket kostet 145 Rs. (2,20 Euro) – eine Platzreservierung für diese Fahrt ist jedoch nicht mehr möglich. Also bin ich mal gespannt, wo ich lande mit meinem Sack und Pack… aber das weiß halt nur der Gott der Eisenbahn!

Als der Zug um 11:50 einfährt, ist aber alles halb so wild – er ist zwar gut besetzt, jedoch weit entfernt davon überfüllt zu sein. Ich finde schnell einen freien Platz… und da ich eine Fahrkarte für den „Sleeper“ – also Liegewagen – gekauft habe, kann ich mich so richtig schön lang machen, die Beine hochlegen und entspannt die Fahrt genießen.

Noch kurz am Rande erwähnt: Die Zugansagen auf den Bahnsteigen sind auch hier automatisch. Eine freundliche, aber leicht gehetzte Damenstimme vom Computerband macht alle Ankündigungen – mehr oder minder gut verständlich – zuerst auf Hindi, dann auf Englisch und hier in Kerala auf Malayalam. Das hört sich natürlich immer anders an – es gibt nur ein einziges Wort, dass immer – in allen Sprachen und egal in welcher Region – das gleiche ist – nämlich „Super-Fast-Express“! Ich liebe dieses Wort – und wie sie es aussprechen! Und dadurch, dass es immer und überall und immer wieder am Bahnhof auftaucht, hat es eine ungeheure Präsenz und auch eine gewisse „Magie“ für mich – der wundervolle „Super-Fast-Express“!

Auf halber Strecke ereilt mich dann das Schicksal, dass plötzlich ein Mann mit einem Zettel vor mir steht und auf meinen Platz deutet. Er hat eine Reservierung für die Liege… etwas missmutig räume ich das Feld. Aber ich finde in der Nähe einen anderen Sitzplatz. Es ist merklich voller geworden im Zug und wir müssen halt etwas zusammenrücken – aber für indische Verhältnisse noch immer alles ganz harmlos. Das habe ich schon deutlich anders erlebt!

Nach gut vier Stunden Fahrt kommen wir Ernakulam Junction an – das ist quasi der Hauptbahnhof von Kochi. Ich habe es übrigens aufgegeben, die Abfahrts- und Ankunftszeiten auf Pünktlichkeit hin zu überprüfen… die Hauptsache ist ja, dass es irgendwann mal los geht und man in erträglicher Zeit ankommt… oder?

Am Bahnhof von Ernakulam bietet sich mir dann mal zur Abwechslung eine neue Erfahrung. Ich habe zwar schon mal sowas an Flughäfen für Taxis gesehen – aber hier gibt es wirklich einen – von der Polizei betriebenen – sogenannten Vorab-Bezahl-Schalter (Prepaid Auto Ticket Counter) für die Motor-Rikschas! Nachdem man sich durch die notorische Warteschlange gekämpft hat, sagt man dem Mann am Schalter, wo man hin möchte, dieser schaut dann im Computer nach, wie teuer die Fahrt dorthin ist und druckt einen Beleg mit Angabe von Ziel und Preis aus. Diesen Zettel gibt man dann dem Rikscha-Fahrer – und los geht’s! Bis zum Hotel sind das gerade mal 30 Rs. – woanders hätte man als Tourist für die gleiche Strecke bestimmt 50 bis 100 Rs. gezahlt. Als Zeichen meiner Begeisterung drücke ich meinem Chauffeur dann 50 Rs. in die Hand… warum nicht immer so?

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Das Hotel – als Empfehlung im Reiseführer vermerkt – ist wirklich super! (Biju’s Tourist Home – http://www.bijustouristhome.com) Ein fantastisches, sauberes Zimmer, unglaublich freundliche und hilfsbereite Angestellte – und das alles für 750 Rs.! Hier habe ich zur Abwechslung auch mal ein „richtiges“ Einzelzimmer – mit wirklich nur einem einzelnen Bett. In der Regel ist man als Alleinreisender da schlechter dran – denn meistens gibt es nur Doppelzimmer – und man bezahlt dann entsprechend auch für ein Doppelzimmer!

Aber ich halte mich erst mal nicht allzu lange im Hotel auf – denn ich will heute so viel wie noch möglich von Kochi sehen… mein Zeitplan ist gerade etwas knapp.

Vielleicht noch mal kurz etwas zur Stadt: Kochi liegt im Bundesstaat Kerala – an einem großen Naturhafen der Malabarküste. Die Stadt hat rund 600.000 Einwohner, der Ballungsraum insgesamt rund 2,1 Millionen.

Kochi besteht aus mehreren Stadtteilen, die teilweise als Halbinsel oder „richtige“ Insel durch Wasser bzw. den Hafen voneinander getrennt sind. Es gibt aber einen Fährservice, der die wichtigsten Orte miteinander verbindet.

Der Fähranleger ist vom Hotel nur einen Steinwurf weit entfernt und nachdem ich mein Gepäck im Zimmer verstaut habe, mache ich mich auf den Weg dorthin. Zurzeit befinde ich mich ja noch in Ernakulam… mein Ziel ist Fort Cochin, der alte, kolonial geprägte Bereich der Stadt. Bereits im frühen 16. Jh. beginnt hier die Geschichte der Europäer mit den Portugiesen, denen später die Holländer und Briten folgten. Angeblich soll hier auch Vasco da Gama gelebt haben, der sicherlich damals für umfangreiche Veränderungen in Sachen Handel und Handelswege verantwortlich war – jedoch vom „Ruhm“ her immer hinter Kolumbus zurückstehen muss… der Arme! Ich für meine Person muss mich zum Glück in diesem Fall auf keinen mehrwöchige Segeltörn einlassen, sondern kann einfach die Fähre nehmen – für 4 Rs.! Und schon nach gut zwanzig Minuten Fahrt bin ich am Ziel.

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Der im Reiseführer beschriebene Charme von Fort Cochin ist sicherlich bis heute zu spüren – aber man merkt mindestens genau so deutlich, dass hier die Tourismus-Welle schon ordentlich über den Ort „geschwappt“ ist. In den Straßen wimmelt es von Touristen, an jeder Ecke wirbt ein Heritage-Hotel, ein Traveller-Café oder ein Yoga-Ayurveda-Studio um die Gunst der Kunden… vielleicht etwas zu viel des Guten. Da wirken die chinesischen Fischernetze am Ufer – obwohl sie noch genutzt werden – eher wie Staffage, wie das Bühnenbild für die heile Touristenidylle.

Trotzdem genieße ich am Strand – zusammen mit Hunderten anderer Touristen – den wirklich wunderschönen Sonnenuntergang im Meer. Man muss sich halt einfach nur vorstellen, man wäre ganz alleine am Strand – zumindest so lange bis einem ein indischer Tourist auf die Hand latscht…

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Ich schlendere noch ein wenig durch die Straßen – hier findet gerade eine große Kunst-Biennale statt – um mich dann mit der nächsten Fähre wieder auf den Rückweg zu begeben.

Beim Kauf eines Tickets für die Fähre gibt es übrigens das Prinzip, die Schlange nach Männern und Frauen zu trennen. Beim ersten Mal habe ich das erst gar nicht richtig gemerkt. Ich habe mich einfach dort angestellt, wo am wenigsten Andrang war. Erst im Nachhinein ist mir dann aufgefallen, dass in dieser Reihe wirklich nur Frauen gestanden haben – wobei jetzt keiner denken soll, dass es deshalb etwas „zivilisierter“ zugegangen wäre… denn hier wurde genauso gestoßen und vorgedrängelt wie auch sonst üblich. Beim Anstellen spielen die Inder halt generell mit „härteren Bandagen“ – völlig Geschlechter-unabhängig!

Wieder im Hotel angekommen übermittelt mir der Rezeptionist eine schlechte Nachricht: Es wäre zwar noch nicht ganz sicher, aber der Veranstalter meiner Bootsfahrt über die Backwaters – die Flüsse und Seen im Hinterland – müsste wahrscheinlich aufgrund der zu geringen Anzahl an Anmeldungen die Tour absagen!

So ein Mist! Ich hatte mich wirklich sehr auf diesen besonderen Ausflug gefreut. Nun ja… morgen früh um Acht wissen wir mehr!

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