Hampi – Schrecklich schön!

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16. Januar – Tag 34

Meine Fahrt ist nun wirklich alles andere als komfortabel! Erschwerend kommt dann noch mitten in der Nacht der Faktor Kälte hinzu, mit dem ich – mal wieder – nicht gerechnet habe. Aus meinem spärlichen Handgepäck suche ich mir noch zwei Tücher zusammen, mit denen ich mich notdürftig zudecke… die Düsen der Klimaanlage habe ich ohnehin schon mit Papiertaschentüchern provisorisch „abgedichtet“ – denn gänzlich ausschalten lässt sich die Apparatur natürlich wieder nicht!

Irgendwann später bemerke ich, dass der Bus steht – wahrscheinlich macht der Fahrer eine Pause. Durch den engen Gang, der sich mittlerweile angefüllt hat mit einem wilden Sammelsurium an Schuhen und weiteren Rucksäcken, kämpfe ich mich in der Dunkelheit nach vorne durch zur Fahrerkabine – denn als ich zugestiegen bin, habe ich aus dem Augenwinkel ein Schild mit der Aufschrift „Blankets 70/- Rs.“ gesehen. Und zu frieren obwohl man hier auch Decken für den umgerechneten Preis von 1 Euro kaufen kann, erachte ich jetzt wirklich als absolut nicht notwendig!

Die Crew meines Busses – immerhin drei Leute – steht draußen vor der Tür… und ich versuche zu erklären, dass ich gerne eine Decke erstehen würde! Aber: Keine Reaktion! Mit überschwänglicher Freundlichkeit scheint hier gerade keiner gesegnet zu sein – „Servicewüste“ Indien mal wieder! Fast schon Mantra-artig wiederhole ich das fragende „Blanket?“ und werde schließlich erhört. Der Schaffner beginnt – für mich zwar unverständlich, aber so war es halt – alle Kojen zu durchforsten – von vorne nach hinten – um dann schlussendlich in der letzten eine Decke zu Tage zu fördern. Ich drücke ihm dankbar die 70 Rs. in die Hand – ich bin gerettet!

Als ich mich dann wieder in meine Schafstätte zurückgezogen habe, endet auch plötzlich das leise Zischen aus der Düse der Klimaanlage! Aber vielleicht ist das auch die „Geschäftsidee“ hinter der ganzen Geschichte – die Leute erst mal so lange runterzukühlen, bis sie verzweifelt eine Decke kaufen… everything is possible in India!

Es muss wohl so 3:30 Uhr gewesen sein, als ich dann endlich – eingekuschelt in meine neu erstandene Decke – wieder einschlafe…

Als ich wieder wach werde, ist es so gegen 7:00 Uhr und schon hell… wir stehen! Durch die Scheiben des Busses kann ich draußen geschäftiges Treiben erkennen. Der Schaffner klettert durch den Bus und ruft laut: „Hospet, Hospet…“ – das liegt zwanzig Minuten vor Hampi, meiner Endstation.

Ich räume also gemächlich wieder mein Nachtlager zusammen – überstürzte Aufbrüche in solchen Situationen haben ja in der Vergangenheit bei mir schon ganz andere „Geschichten“ nach sich gezogen – und lasse mich die letzten Minuten zu meinem Ziel schaukeln.

In Hampi angekommen, erwartet uns eine unglaubliche Szene: Dutzende von Motor-Rikscha-Fahrern, die den Bus direkt bestürmen um ihre Dienste anzubieten. Ich kämpfe mich erstmal durch die Meute nach draußen durch und zerre meinen Rucksack aus dem Gepäckfach unterhalb des Busses… und gehe erst mal einen Chai trinken! Das ist mir zuviel Trubel am frühen Morgen.

Wenig später werde ich dann mit einem Fahrer handelseinig – denn die Jungs lassen natürlich nicht locker! Der Fahrer bringt mich zu dem von mir im Reiseführer ausgesuchten Guesthouse und die haben auch tatsächlich noch ein Zimmer für mich frei – für 700 Rs.! Alles gut also!

Die Checkout-Zeit hier im Hotel ist 9:00 Uhr – öfter mal was Neues! Und da es erst gerade kurz nach Acht ist setze ich mich noch auf die Dachterrasse und genieße die Wärme der langsam aufziehenden Sonne…

Das Zimmer ist dann so „naja“ – nicht schlecht, aber auch nicht brillant. Der Deckenventilator macht ein Geräusch wie ein alter Traktor… aber für eine Nacht wird es gehen. Ich hatte beim Frühstück einen Belgier kennengelernt, der mir noch ein anderes Hotel empfohlen hat – und dorthin werde ich morgen umziehen.

Nachdem ich mein Gepäck im Zimmer verstaut habe, mache ich mich auch direkt auf den Weg – denn in Hampi gibt es jede Menge zu sehen…

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Mal kurz zu den Fakten: Die Tempelruinenstadt Vijayanagar, die „Stadt des Sieges“ – nach dem Hauptort meistens jedoch Hampi genannt – war ab dem 14. Jh. die Hauptstadt eines großen Hindu-Reiches. In der zweiten Hälfte des 16. Jh. wurde sie jedoch nach einer sechs Monte dauernden Belagerung durch moslemische Truppen zerstört. Heute finden sich auf dem etwa 26 Quadratkilometer großen Areal immer noch zahlreiche zerfallene Häuser und verlassene Tempel aus jener Zeit – sowie ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem – und machen diesen Ort hierdurch sicherlich zu einer der beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten Indiens.

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Die Ruinen lassen sich in zwei Gruppen aufteilen: Eine befindet sich in und um Hampi herum sowie am nahe gelegenen Flussufer und umfasst die am höchsten verehrte Gruppe von Tempeln – die andere konzentriert sich um den „königlichen Bezirk“ etwa 3 Kilometer südlich der heutigen Stadt, in der sich Überreste von Palästen, Pavillons, Elefantenställen, Wächterhäusern und Tempeln befinden.

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Mein Programm für heute sieht zunächst erst einmal diese erste Gruppe vor, die man bequem zu Fuß erlaufen kann.

Anstelle euch jetzt weiter mit der ganzen Theorie zu langweilen, möchte ich euch lieber anhand einiger Fotos einen Eindruck über diese wirklich sehenswerte Ruinenstadt in dieser auch sehr beeindruckenden Landschaft vermitteln…

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Noch am Schluss angemerkt: Hampi ist schrecklich schön! Denn der Tourismus hat hier wirklich ganz deutlich seine Spuren hinterlassen! Auf all meinen Touren durch Indien habe ich wohl kaum einen Ort erlebt, an dem einem mit einer solchen Penetranz versucht wird, irgendetwas zu verkaufen oder für sonstige, zweifelhafte Angebote das Geld aus der Tasche zu ziehen – mit teilweise wirklich haarsträubenden Geschichten, die einem hierfür aufgetischt werden. Wenn ich heute für jedes Mal, dass ich „No, thank you!“ gesagt habe, Geld bekommen hätte, wäre ich jetzt ein reicher Mann… man stumpft schon irgendwann dermaßen ab, dass man einfach gar nicht mehr reagiert… so ging es mir zumindest.

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Wenn man aber raus ist aus dem Trubel der Stadt, in der Landschaft… von einem Tempel zum nächsten läuft… immer wieder neue Perspektiven hat auf die Ruinen… dann ist es einfach nur faszinierend, umwerfend, ergreifend hier! Und nur noch schön!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

Benaulim – Good-Bye Goa!

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15. Januar – Tag 33

Schon mein letzter Tag wieder in Goa – also dieses Mal nur eine kurze Stippvisite! Aber einen Eindruck von der Gegend habe ich jetzt zumindest. Es ist halt hier alles deutlich auf den Tourismus ausgerichtet, der ja hier in dieser Gegend auch schon vor einigen Jahrzehnten Einzug gehalten hat.

Den Vormittag verbringe ich damit in einem Reisebüro im „Dörfchen“ – der Ortskern Benaulim besteht vielleicht mal gerade aus 20 Häusern, davon bestimmt 18 mit Andenkenläden im Erdgeschoss – meine weitere Reise nach Hampi zu organisieren. Mit dem Zug scheint es schwierig zu sein – weil mal wieder alles ausgebucht ist. Aber es gibt eine Alternative, die durchaus ihren Reiz hat für mich: Ein Nachtbus! Nicht ganz preiswert für hiesige Verhältnisse, aber irgendwie spart man so ja auch eine Übernachtung… und das relativiert die Kosten für die Fahrt. Zur Auswahl stehen zwei Busse: Einer ohne Klimaanlage mit Sitzplätzen und einer mit Klimaanlage und Liegen. Da der Preisunterschied mit 250 Rs. jetzt eher banal ist, fällt mir die Wahl nicht schwer. Und so werde ich mich für 1.500 Rs. zehn Stunden lang durch die Nacht schaukeln lassen – aber zumindest liegenderweise!

Dass das trotzdem kein Spaß wird, ist mir allerdings schon jetzt bewußt – dafür sind die Überlandstraßen einfach in einem zu schlechten Zustand… und das bedeutet nun mal ein ständiges Anfahren, Abbremsen, Ausweichen… alle möglichen Fahrmanöver eben, die einen entspannten Schlaf fast unmöglich machen.

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Den Nachmittag verbringe ich noch am Strand und nach einem entspannten und sehr unterhaltsamen Abendessen zusammen mit einem Paar aus Italien mache ich mich um 20:00 Uhr per Motor-Rikscha auf den Weg nach Margao, der nächstgrößeren Stadt, von der die Nachtbusse aus abfahren.

Die Fahrt dorthin dauert gute 20 Minuten. Ich unterhalte mich mit meinem Fahrer über das Wetter in Deutschland… irgendwie ist das immer der kleinste, gemeinsame Nenner! Und er ist erstaunt, dass es in „Good Old Germany“ keinen Monsunregen gibt.

Die Abfahrt des Busses ist für 21:00 Uhr angesetzt… aber da der Bus schon von irgendwo anders her kommt, hat er – natürlich – mal wieder Verspätung! Aber wie ich ja schon mal geschrieben habe: Ankommen ist schließlich alles – und das funktioniert ja auch immer irgendwie!

Meine bisherigen Erfahrungen mit Nachtbussen in Indien beschränken sich auf eine Fahrt von McLeod Ganj nach Delhi vor drei Jahren. Das war allerdings ein Bus mit Liegesitzen – und eine ziemliche Tortour. So bin ich gespannt, was mich in diesem Gefährt erwartet – schließlich soll es hier richtige Liegen geben.

Um 21:20 Uhr rollt dann zuerst der Bus mit den Sitzplätzen an, direkt gefolgt vom Bus mit den Liegen. Nachdem der Schaffner meinen großen Rucksack im Gepäckraum verstaut hat, suche ich mir meinen Platz im Bus. Dort, wo sich sonst die Sitze befinden sind in diesem Bus Schlafkojen – jeweils zwei übereinander, vielleicht 1,90 m lang und 80 cm breit – wobei diese Liegefläche für zwei Personen ausgelegt ist! Ich habe aber eine komplette Doppelliege für mich allein.

Ich richte mich mit meinen Utensilien häuslich ein und dann geht es auch schon direkt los.

Das Gefährt schaukelt – wie schon befürchtet – ganz ordentlich. Ich versuche also mich in sowas wie eine „stabile Seitenlage“ zu bringen – um nicht bei jeder Kurve quer durch die Koje zu rollen… was irgendwie nicht so leicht fällt, dabei noch bequem zu liegen. Na, das kann ja heiter werden!

Benaulim – Einfach mal nichts tun!

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14. Januar – Tag 32

Auch auf die Gefahr hin euch eventuell mal zu langweilen – denn ihr seid ja aufregende Urlaubsabenteuer von mir gewohnt – aber heute habe ich einfach mal nichts gemacht! Zumindest war ich nur am Strand… einem ausgesprochen schönen noch dazu! Zugegeben, ein wenig touristisch ist es schon hier… aber wir sind schließlich auch in Goa!

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Der Strand hier in Benaulim ist trotzdem nicht so überlaufen, wie vielleicht anderswo an diesem 25 Kilometer langen Küstenabschnitt… angeblich einem der längsten Strände der Welt! Aber das muss man mit Vorsicht genießen – denn gerade bei den Superlativen sind die Inder immer gerne ganz vorne mit dabei… auch wenn die Wahrheit vielleicht anders aussehen mag.

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Heute deshalb einmal eher einige visuelle Eindrücke meines Tages… aber wie mir zwischenzeitlich zu Ohren gekommen ist, soll ich ja nicht immer so viel schreiben. Aber ich muss gestehen, dass mir das schwer fällt! Und irgendwie macht es mir ja auch Spaß…

Morgen versuche ich zumindest meine weitere Reise zu organisieren – nach Hampi und Bijapur. Es bleibt also spannend!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

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Benaulim – Alles tip-top in Little Switzerland

13. Januar – Tag 31

Heute geht es weiter nach Goa – wobei ich zugeben muss, dass ich an diesem Punkt meiner Reiseplanung etwas geschludert habe. Ich komme heute Abend zwar am Dabolim Airport in der Nähe von Vasco da Gama (so heißt diese Stadt wirklich) an, aber so ganz ist mir noch nicht klar, wohin es dann gehen soll.

Ansonsten muss ich noch mal ein ordentliches Lob für mein Hotel und seine wirklich überaus hilfsbereite und freundliche Belegschaft aussprechen! Obwohl man sich hier nicht im Haupt-Touristen-Quartier von Kochi befindet (oder vielleicht gerade deshalb), ist der Service absolut überdurchschnittlich! Auf meiner gesamten Tour habe ich nur wenige Hotels erlebt, in denen wirklich alles so stimmig war. Und das für diesen guten Preis! Also noch einmal Danke dem Team vom Biju’s Tourist Home!

Um 10:40 Uhr holt mich das Taxi ab. Für den Weg zum Flughafen möchte der Fahrer stolze 900 Rs.! Aber das ist eben mal wieder die Geschichte mit der Verhältnismäßigkeit, die in Indien so hin und wieder einfach nicht stimmt. Aber was bleibt mir anderes übrig als gute Mine zum „bösen“ Spiel zu machen?

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Nach gut einer Stunde Fahrt kommen wir am Flughafen an und ich erfahre am Air India-Schalter direkt die erste Hiobsbotschaft des Tages: Der Flug nach Bengalore sei verspätet… aber nach einer kurzen Überprüfung sagt mir der Mann hinter dem Tresen, dass die Maschine um 17:00 Uhr in Bengalore ankommen soll – also voraussichtlich. Den Anschlussflug nach Goa um 17:45 Uhr könnte ich somit also noch erreichen. Und mein Gepäck würde er auch direkt nach Goa einchecken!

Das wird ja heiter… warum kann nicht mal einfach alles glatt laufen? Naja, irgendwie tut es das am Ende dann ja auch immer… aber diese kleinen Hürden unterwegs auf dem Weg – auf die könnte ich auch gut verzichten! Aber verbuchen wir das einfach alles mal unter der Kategorie „Nervenkitzel“!

Dann direkt die zweite Hiobsbotschaft: Meine Tasche sei zu schwer… auf Inlandsflügen sind nur 15 kg Gepäck zulässig – mein Rucksack wiegt aber 20 kg! Das Übergepäck bittet er mich freundlichst am Air India-Schalter in der Haupthalle nachzubezahlen. Er würde auch nur 3 kg aufschreiben – immerhin etwas… denn ein Kilo kostet 250 Rs.! Und da ich ja zwei Flüge gebucht habe (wir erinnern uns: Von Kochi nach Bengalore und von dort weiter nach Goa) darf ich die Gebühr auch direkt freundlicherweise zweimal entrichten!

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich heute nur mit vollen Händen mein Geld verteile – und alle anderen ordentlich die Hand aufhalten.

Nachdem ich das Übergepäck schlussendlich bezahlt habe, händigt mir der freundliche Herr meine Bordkarten aus… und bittet mich in der Nähe des Schalters Platz zu nehmen und zu warten – auf was da auch immer noch kommen möge!

Wenig später erscheint dann ein anderer Mitarbeiter von Air India und erklärt, wir würden jetzt zu einem Hotel fahren. A-ha! Zusammen mit den anderen Passagieren des Fluges verlasse ich also wieder das Flughafengebäude und wir fahren mit einem Minibus zu einem benachbarten Hotel, wo man uns ein Mittagessen spendiert… und ich noch kurz ein Posting für den Blog abschicken kann.

Um 14:10 Uhr geht es dann wieder zurück zum Flughafen und ich begebe mich durch die Sicherheitskontrolle. Dann heißt es erst mal wieder: Warten! Aber bei Air India ist heute wohl generell „der Wurm drin“ – denn alle Flüge von denen sind verspätet.

Ich hatte mich zwischenzeitlich auch schon gewundert, warum wir nur so wenige Passagiere im Hotel beim Mittagessen waren… aber dieser Tag wird noch weitere Überraschungen für mich bereit halten!

Nachdem um 15:50 Uhr der Aufruf zum Boarding erfolgt und wir durch das „Gate 2“ – eine simple Tür – auf das Vorfeld geführt werden, erklärt sich mir plötzlich einiges! Denn da draußen steht in gut 200 Metern Entfernung eine ATR 42, ein zweimotoriges Turbo-Prop-Flugzeug für ungefähr 45 Passagiere! Und das ist nunmal die einzige Air India-Maschine weit und breit – folglich also unser Flugzeug! Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal mit so einem Vogel geflogen bin – wahrscheinlich 2006 in Vietnam.

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Aber ich liebe ja das Fliegen generell – wie ihr wissen solltet – und so ein Flugzeug, welches etwas niedriger und langsamer als die üblichen Airbusse und Boeings fliegt, ist für mich natürlich eine ganz besondere Freude! Alleine schon der surrende Klang der Propeller beim Start – einfach fantastisch! Ein wirkliches Geschenk für mich!

Um 16:05 Uhr heben wir ab – für einen Flug von 1 Stunde – und setzen relativ pünktlich dann in Bangalore auf.

Aber jetzt geht der ganze Sicherheitswahnsinn wieder von vorne los – klar, denn bei einem Inlandsflug gibt es hier zumindest keinen Transitbereich! … und wir sind in Indien! Mehr muss ich wohl nicht dazu sagen!

Obwohl mein Handgepäck in Kochi anstandslos durch die Kontrolle gekommen ist, scheitere ich hier auf ganzer Linie! Ich darf meinen Rucksack öffnen und auch meine Souvenir-Tasche ausräumen… und währenddessen tickt die Uhr! Mittlerweile ist es 17:45 Uhr – eigentlich wäre JETZT der Abflug!

Zum Glück bin ich nicht der einzige, der sich diesen kühnen Plan hat einfallen lassen über Bangalore nach Goa zu fliegen und so führt uns ein Air India-Mitarbeiter wie seine persönliche „Schaafherde“ durch den Flughafen – immer in Richtung Gate 17.

Ich glaube, es ist ungefähr 17:50 Uhr als wir das Gate erreichen… dieses Mal ist es nicht nur eine banale Tür sondern alles ist so, wie man es gewöhnlich auch von anderen Flughäfen her kennt. Wir laufen den langen Korridor entlang – diesen „Schlauch“ zum Flugzeug – bis zu einer erneuten SICHERHEITSKONTROLLE! Ich fasse es nicht! Und ich darf schon wieder meinen Rucksack öffnen… immerhin kann ich das Flugzeug schon sehen – und das gibt mir zumindest die Hoffnung, dass sie schon nicht ohne mich abfliegen werden.

Tun sie auch nicht! Ich betrete den Airbus A319 und finde meinen Platz in Reihe 9… und der Herr am Check-In hat es mal wieder gut gemeint mit mir. Denn ich sitze am Notausgang und hier ist ja bekanntlicherweise der Sitzabstand größer. Aber wahrscheinlich ist diese Reihe für Inder ohnehin gar nicht so etwas besonderes – ist doch ohnehin hier fast jeder mindestens einen Kopf kleiner als ich. Und somit kennen die das Problem gar nicht, dass man nach so einem Flug einen Knoten in den Beinen hat!

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Um 19:00 Uhr landen wir auf dem Dabolim Airport im Bundesstaat Goa… und ich darf zum ersten Mal in meinem Leben beim Aussteigen meine Boardingkarte noch einmal vorzeigen… das ist dann wahrscheinlich eine sogenannte De-Bordingkarte! Der allgemeine Kontrollwahn halt! Ob ich allerdings ohne dieses wichtige Dokument im Flugzeug hätte bleiben müssen? … keine Ahnung – aber: Everything is possible in India!

Um 19:50 Uhr sitze ich im Taxi – mein Gepäck hat übrigens den gleichen Weg genommen wie ich – und fahre nach Benaulim. Diesen kleinen Ort an der Küste habe ich mir für Goa ausgesucht, weil es nicht ganz so touristisch ist wie viele andere Orte hier… und es liegt – meiner subjektiven Meinung nach zumindest – ganz günstig für die weitere Reise nach Hampi.

Auffällig auf den Straßen hier ist eine gewisse Entspanntheit – es wird wahrnehmbar weniger gehupt, die Fahrbahnen sind in einem ziemlich guten Zustand, es gibt sogar Fahrbahnmarkierungen und Laternen beleuchten auch außerorts den Weg. Für indische Verhältnisse alles ganz „sortiert“ also.

Wir fahren rund 40 Minuten und erreichen dann – in der Mitte von nirgendwo – das Guesthouse Goa Heaven. Ich hatte bereits morgens schon hier angerufen, um zu klären, ob sie noch ein Zimmer für mich haben – und somit weiß ich zwar nicht, worauf ich mich da einlasse, aber dass da zumindest ein Bett für mich bereitsteht.

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Aber alles ist gut! Das Hotel wird von einem keralisch-schweizerischen Paar geführt – und die schweizerischen Einflüsse sind unübersehbar. Ein echter Traum von einer Unterkunft! Es scheint auch eine große Gruppe von Stammgästen zu geben – alle schon im Pensionsalter – die hier den Winter verbringen. Denn man empfängt mich – in großer Runde am Tisch zusammensitzend bei Bier und Wein – im Eingangsbereich, einer Art offenen Pavillon. Und man spricht Deutsch – Schweizerdeutsch! Little Switzerland eben!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

Kochi – Bootsfahrt mit Theater

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12. Januar – Tag 30

Als ich kurz vor Acht auf dem Weg zum hoteleigenen Café an der Rezeption vorbeikomme, unterbreitet mir der nette Herr hinter dem Tresen direkt die schlechte Nachricht: Die Backwaters-Tour würde nicht stattfinden. Der Veranstalter hätte soeben angerufen und abgesagt!

Ich mache ein langes Gesicht! Ich hatte mich wirklich sehr auf diesen Ausflug gefreut! Aber ich hake nach, ob es denn keinen anderen Anbieter gäbe. Der Rezeptionist überlegt kurz, blättert in einigen Unterlagen, macht zwei Telefonate… und schon ist alles klar! Ein anderer Anbieter hat noch einen Platz frei – sogar für den gleichen Preis, für 850 Rs.! Ich sage direkt zu, denn dieses Erlebnis möchte ich mir dann doch nicht entgehen lassen.

Mit dem Taxi geht es Richtung Süden – für zirka eine Stunde. Und dann wartet eine Art offenes Hausboot auf mich…

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Aber noch mal kurz zur Erklärung: Die Backwaters von Kerala sind ein Gebiet, welches sich auf 75 Kilometern Länge von Kollam im Süden bis nach Kochi im Norden erstreckt – ein faszinierendes Labyrinth aus schimmernden Wasserflächen – Seen, Kanälen, Flüssen und Bächen – innerhalb einer dichten tropischen Vegetation. Mit umgebauten Reisbooten aus dunklem Jackbaumholz mit Schutzdächern aus geflochtenen Palmwedeln und Kokosbast, den kettu vallam, kann man diese Wasserwege erkunden. Und das werde ich heute tun…

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Es ist einfach ein sehr entspannendes und wunderschönes Erlebnis mit einem dieser gestakten Boote (von einem oder zwei Männern mit langen Bambusstangen fortbewegt und manövriert) durch die Landschaft zu gleiten – fast lautlos – und die Natur zu genießen.

Vielleicht können meine Bilder hier einen kleinen Eindruck vermitteln…

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Nach dem Mittagessen steigen wir um vom größeren Reisboot auf zwei gestakte Kanus… für die Fahrt über noch kleinere Kanäle und Bäche…

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Um halb Fünf werden wir wieder abgesetzt und mit einem Minibus zurück nach Kochi gebracht – und dort habe ich mir für den Abend noch eine besonderes kulturelles Highlight ausgesucht – eine Kathakali-Aufführung!

Kathakali ist eine einzigartige keralische Form des rituellen Theaters, in dessen Tanzdramen die Kämpfe zwischen Göttern und Dämonen dargestellt werden – alles ohne Sprache, aber dafür mit sehr viel Mimik und Gestik! Die Aufführungen dauern teilweise bis zu sechs Stunden… oder sogar die ganze Nacht – aber für Touristen führt man eine verträgliche Version mit vorhergehender Einführung und mit nur anderthalbstündiger Dauer auf. Und für einen Einblick in diese Tanzkunst ist das – jedenfalls aus meiner Sicht – auch sicherlich ausreichend.

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Morgen geht es weiter nach Goa… mit dem Flieger! Ein neuer Tag voller kleiner Abenteuer wartet also auf mich!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

Kochi – Super-Fast-Express

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11. Januar – Tag 29

Der Morgen ist entspannt… ich genieße die touristische Infrastruktur und gönne mir ein westliches Frühstück… unter Palmen mit Blick auf das Meer! So muss das sein!

Aufgefallen ist mir dabei noch die Tatsache, dass sich die meisten indischen Touristen hier deutlich westlich kleiden – mit T-Shirt und Shorts, während die meisten westlichen Touristen eher so einen indischen Ethno-Look mit Saris, Tuchkleidern und wallenden Hosen favorisieren. Das „Exotische“, das „Andere“ kann also ganz verschieden aussehen – alles nur eine Frage des eigenen Standpunktes. Aber eine Faszination übt es wohl immer auf jeden aus!

Dann geht es zum Bahnhof. Der „Kerala Super-Fast-Express“ soll mich in gut vier Stunden Fahrt nach Kochi bringen. Das Ticket kostet 145 Rs. (2,20 Euro) – eine Platzreservierung für diese Fahrt ist jedoch nicht mehr möglich. Also bin ich mal gespannt, wo ich lande mit meinem Sack und Pack… aber das weiß halt nur der Gott der Eisenbahn!

Als der Zug um 11:50 einfährt, ist aber alles halb so wild – er ist zwar gut besetzt, jedoch weit entfernt davon überfüllt zu sein. Ich finde schnell einen freien Platz… und da ich eine Fahrkarte für den „Sleeper“ – also Liegewagen – gekauft habe, kann ich mich so richtig schön lang machen, die Beine hochlegen und entspannt die Fahrt genießen.

Noch kurz am Rande erwähnt: Die Zugansagen auf den Bahnsteigen sind auch hier automatisch. Eine freundliche, aber leicht gehetzte Damenstimme vom Computerband macht alle Ankündigungen – mehr oder minder gut verständlich – zuerst auf Hindi, dann auf Englisch und hier in Kerala auf Malayalam. Das hört sich natürlich immer anders an – es gibt nur ein einziges Wort, dass immer – in allen Sprachen und egal in welcher Region – das gleiche ist – nämlich „Super-Fast-Express“! Ich liebe dieses Wort – und wie sie es aussprechen! Und dadurch, dass es immer und überall und immer wieder am Bahnhof auftaucht, hat es eine ungeheure Präsenz und auch eine gewisse „Magie“ für mich – der wundervolle „Super-Fast-Express“!

Auf halber Strecke ereilt mich dann das Schicksal, dass plötzlich ein Mann mit einem Zettel vor mir steht und auf meinen Platz deutet. Er hat eine Reservierung für die Liege… etwas missmutig räume ich das Feld. Aber ich finde in der Nähe einen anderen Sitzplatz. Es ist merklich voller geworden im Zug und wir müssen halt etwas zusammenrücken – aber für indische Verhältnisse noch immer alles ganz harmlos. Das habe ich schon deutlich anders erlebt!

Nach gut vier Stunden Fahrt kommen wir Ernakulam Junction an – das ist quasi der Hauptbahnhof von Kochi. Ich habe es übrigens aufgegeben, die Abfahrts- und Ankunftszeiten auf Pünktlichkeit hin zu überprüfen… die Hauptsache ist ja, dass es irgendwann mal los geht und man in erträglicher Zeit ankommt… oder?

Am Bahnhof von Ernakulam bietet sich mir dann mal zur Abwechslung eine neue Erfahrung. Ich habe zwar schon mal sowas an Flughäfen für Taxis gesehen – aber hier gibt es wirklich einen – von der Polizei betriebenen – sogenannten Vorab-Bezahl-Schalter (Prepaid Auto Ticket Counter) für die Motor-Rikschas! Nachdem man sich durch die notorische Warteschlange gekämpft hat, sagt man dem Mann am Schalter, wo man hin möchte, dieser schaut dann im Computer nach, wie teuer die Fahrt dorthin ist und druckt einen Beleg mit Angabe von Ziel und Preis aus. Diesen Zettel gibt man dann dem Rikscha-Fahrer – und los geht’s! Bis zum Hotel sind das gerade mal 30 Rs. – woanders hätte man als Tourist für die gleiche Strecke bestimmt 50 bis 100 Rs. gezahlt. Als Zeichen meiner Begeisterung drücke ich meinem Chauffeur dann 50 Rs. in die Hand… warum nicht immer so?

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Das Hotel – als Empfehlung im Reiseführer vermerkt – ist wirklich super! (Biju’s Tourist Home – http://www.bijustouristhome.com) Ein fantastisches, sauberes Zimmer, unglaublich freundliche und hilfsbereite Angestellte – und das alles für 750 Rs.! Hier habe ich zur Abwechslung auch mal ein „richtiges“ Einzelzimmer – mit wirklich nur einem einzelnen Bett. In der Regel ist man als Alleinreisender da schlechter dran – denn meistens gibt es nur Doppelzimmer – und man bezahlt dann entsprechend auch für ein Doppelzimmer!

Aber ich halte mich erst mal nicht allzu lange im Hotel auf – denn ich will heute so viel wie noch möglich von Kochi sehen… mein Zeitplan ist gerade etwas knapp.

Vielleicht noch mal kurz etwas zur Stadt: Kochi liegt im Bundesstaat Kerala – an einem großen Naturhafen der Malabarküste. Die Stadt hat rund 600.000 Einwohner, der Ballungsraum insgesamt rund 2,1 Millionen.

Kochi besteht aus mehreren Stadtteilen, die teilweise als Halbinsel oder „richtige“ Insel durch Wasser bzw. den Hafen voneinander getrennt sind. Es gibt aber einen Fährservice, der die wichtigsten Orte miteinander verbindet.

Der Fähranleger ist vom Hotel nur einen Steinwurf weit entfernt und nachdem ich mein Gepäck im Zimmer verstaut habe, mache ich mich auf den Weg dorthin. Zurzeit befinde ich mich ja noch in Ernakulam… mein Ziel ist Fort Cochin, der alte, kolonial geprägte Bereich der Stadt. Bereits im frühen 16. Jh. beginnt hier die Geschichte der Europäer mit den Portugiesen, denen später die Holländer und Briten folgten. Angeblich soll hier auch Vasco da Gama gelebt haben, der sicherlich damals für umfangreiche Veränderungen in Sachen Handel und Handelswege verantwortlich war – jedoch vom „Ruhm“ her immer hinter Kolumbus zurückstehen muss… der Arme! Ich für meine Person muss mich zum Glück in diesem Fall auf keinen mehrwöchige Segeltörn einlassen, sondern kann einfach die Fähre nehmen – für 4 Rs.! Und schon nach gut zwanzig Minuten Fahrt bin ich am Ziel.

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Der im Reiseführer beschriebene Charme von Fort Cochin ist sicherlich bis heute zu spüren – aber man merkt mindestens genau so deutlich, dass hier die Tourismus-Welle schon ordentlich über den Ort „geschwappt“ ist. In den Straßen wimmelt es von Touristen, an jeder Ecke wirbt ein Heritage-Hotel, ein Traveller-Café oder ein Yoga-Ayurveda-Studio um die Gunst der Kunden… vielleicht etwas zu viel des Guten. Da wirken die chinesischen Fischernetze am Ufer – obwohl sie noch genutzt werden – eher wie Staffage, wie das Bühnenbild für die heile Touristenidylle.

Trotzdem genieße ich am Strand – zusammen mit Hunderten anderer Touristen – den wirklich wunderschönen Sonnenuntergang im Meer. Man muss sich halt einfach nur vorstellen, man wäre ganz alleine am Strand – zumindest so lange bis einem ein indischer Tourist auf die Hand latscht…

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Ich schlendere noch ein wenig durch die Straßen – hier findet gerade eine große Kunst-Biennale statt – um mich dann mit der nächsten Fähre wieder auf den Rückweg zu begeben.

Beim Kauf eines Tickets für die Fähre gibt es übrigens das Prinzip, die Schlange nach Männern und Frauen zu trennen. Beim ersten Mal habe ich das erst gar nicht richtig gemerkt. Ich habe mich einfach dort angestellt, wo am wenigsten Andrang war. Erst im Nachhinein ist mir dann aufgefallen, dass in dieser Reihe wirklich nur Frauen gestanden haben – wobei jetzt keiner denken soll, dass es deshalb etwas „zivilisierter“ zugegangen wäre… denn hier wurde genauso gestoßen und vorgedrängelt wie auch sonst üblich. Beim Anstellen spielen die Inder halt generell mit „härteren Bandagen“ – völlig Geschlechter-unabhängig!

Wieder im Hotel angekommen übermittelt mir der Rezeptionist eine schlechte Nachricht: Es wäre zwar noch nicht ganz sicher, aber der Veranstalter meiner Bootsfahrt über die Backwaters – die Flüsse und Seen im Hinterland – müsste wahrscheinlich aufgrund der zu geringen Anzahl an Anmeldungen die Tour absagen!

So ein Mist! Ich hatte mich wirklich sehr auf diesen besonderen Ausflug gefreut. Nun ja… morgen früh um Acht wissen wir mehr!

Varkala – Fest in russischer Hand!

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10. Januar – Tag 28

Um halb Elf mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof – per Motor-Rikscha. Für kürzere Strecken ist das einfach unbestritten das beste und günstigste Transportmittel.

Am Bahnhof angekommen, bietet sich das gewohnte Bild von Dutzenden von wartenden Reisenden, die hier bis zur Abfahrt ihres Zuges die Zeit verbringen und sich häuslich niedergelassen haben, auf Decken auf dem Boden zusammensitzen und essen oder einfach nur schlafen – mitten im Bahnhof… und auch auf dem Bahnhofsvorplatz unter freiem Himmel!

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Nach der Auskunft des Beamten am Informationsschalter fährt mein Zug von Gleis 5 ab. So etwas wie einen Fahrplan-Aushang gibt es hier zwar schon, aber da stehen nur die Ankunfts- und Abfahrtszeiten drauf – nicht jedoch das entsprechende Gleis.

Mein Zug steht dann auch schon am Bahnsteig bereit… und ich finde schnell die für mich reservierte Liege im Wagen S1, welche jedoch von einer indischen Familie okkupiert wird.

Mit Händen und Füßen versuche ich zu erklären, dass sie auf meiner Liege sitzen würden… denn niemand von ihnen spricht englisch. Doch die Ehefrau lächelt mich nur an mit dem Ausdruck, dass das doch nicht so schlimm sei – was ich aber durchaus anders empfinde. Schließlich würde ich mich gerne dort niederlassen – und mich im Idealfall eigentlich auch gerne hinlegen.

Ich schlage vor, dass wir unsere Liegen tauschen. Ich nehme die obere von den drei Liegen, welche eigentlich von der Familie reserviert sind und dafür könnten sie ja meine untere Liege haben. Aber die Dame gibt mir deutlich zu verstehen, dass das nicht funktionieren würde – weil dort oben ja ihr Ehemann in Ruhe schlafen müsste.

An diesem Punkt müsste ich eigentlich etwas weiter ausholen… Die klassische, indische Gesellschaft war und ist bis heute eine patriarchalische. Mit der Konsequenz, dass es das höchste Ziel der Frau ist, ihrem Ehemann zu Diensten zu sein… und für ihn das Leben so bequem wie nur möglich zu gestalten. Trotz der neuen Rollenbilder in den Mittelschichten hat sich an diesem grundsätzlichen Verständnis noch nicht viel geändert. Ohne jetzt noch weiter auszuschweifen, ist diese Frau also nur ihrem klassischen Rollenbild gefolgt. Mir die – vermeintlich – bequemere, obere Liege abzutreten, war für sie somit keine Option.

Lange Rede, kurzer Sinn… nach meinem weiteren Drängen räumen sie schlussendlich meinen Platz. Die Ehefrau verbringt dann die Nacht – gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter und ihrer Schwiegermutter – auf der gegenüberliegenden, unteren Liege. Alles in allem für mich eine befremdliche Situation… aber mit dem gesellschaftlichen Hintergrund einfach nachzuvollziehen. Indien ist in vielerlei Hinsicht eine andere Welt, in der andere Grundsätze und Gebräuche gelten – wenn auch manche hiervon für mich nur schwer nachzuvollziehen sind. Aber auch deshalb bin ich hier, um genau so etwas zu erleben, um das tägliche Leben zu sehen… und genau deshalb will ich mich nicht in eingezäunten Touristenenklaven in einer Scheinwelt aufhalten.

Mit einer halben Stunde Verspätung geht es um 23:30 Uhr los. Die Nacht ist unspektakulär… wenn auch wenig komfortabel – ich schlafe wieder halb auf meinem Rucksack. Aber sicher ist sicher. Wenigstens wird es – trotz geöffneter Fenster – nicht wirklich kalt im Waggon… und der von mir vorsichtshalber bereitgelegte Schlafsack dient eher dazu mir selbst ein Minimum an Behaglichkeit vorzugaukeln – und weniger um der Kälte zu trotzen.

Als ich um Halb Sieben wach werde, ist es draußen schon hell. Es ist diesig… und es sieht aus wie im Urwald – dichte Palmenwälder säumen die Eisenbahnstrecke. Auf der Landkarte versuche ich unsere genaue Position zu orten – gar nicht so einfach ohne GPS. Außerdem hält der Zug – da es sich um keinen Express sondern nur um einen Passenger-Train handelt – an jedem Bauernhof. Mir ist es ein Rätsel, wie wir die gesamte Strecke überhaupt bewältigt haben bei den ewigen Zwischenstopps. Und auf der Landkarte sind natürlich gar nicht erst alle Bahnhöfe eingezeichnet. Aber gelegentlich kann ich dann doch den einen oder anderen Ort ausmachen… und es ist nicht mehr weit bis Varkala.

An einem (etwas) größeren Bahnhof kommt ein Chai-Wallah – ein Tee- und Kaffeeverkäufer – durch den Zug. Ein Kaffee wäre nicht schlecht jetzt – aber eigentlich habe ich nur noch große Scheine in der Tasche. Und einen Kaffee für 8 Rs. mit einer 500 Rs.-Note zu bezahlen stößt hier selten auf viel Gegenliebe. Das kann so ein fliegender Verkäufer niemals wechseln… und meine letzten kleinen Scheine habe ich gestern Abend dem Motor-Rikscha-Fahrer für die Tour zum Bahnhof gegeben.

Irgendwie habe ich aber wohl schon instinktiv genickt, als ich den Mann vor mir habe stehen sehen… denn schon hat er mir einen Becher mit dem dampfenden Getränk hingestellt. Ich greife also – eher aus Verzweiflung – in meine Hosentasche auf der Suche nach irgendwelchen Restbeständen an Kleingeld – und fördere noch genau 8 Rs. in Münzen zutage. Unglaublich – aber wie sagt man: Das Glück ist mit den Doofen!

Als wir ankommen in Varkala – natürlich mit Verspätung – ich muss meine These über die Pünktlichkeit der indischen Eisenbahn wohl revidieren – empfängt uns schon die übliche Meute von Taxi- und Motor-Rikscha-Fahrern. Hier gibt es offensichtlich etwas besonderes – denn an den vorherigen Haltepunkten war von so einem Trubel nichts zu sehen.

Mit einem koreanischen Paar teile ich mir ein Taxi zu den Klippen – zu der Gegend, in der auch alle Guesthouses liegen. Man merkt schon im Reiseführer, dass dies hier eine stark vom Tourismus geprägte Ecke ist – denn die Preise für Unterkünfte haben sich mal eben verdoppelt. Aber ich habe – mal wieder – Glück beim ersten Versuch… und kann den Preis sogar noch von 1.000 auf 900 Rs. runterhandeln (Oceanic Beach Residency – wirklich empfehlenswert, falls ihr mal in der Ecke seid).

Ich habe übrigens kurzfristig meine Pläne geändert… denn nach dem Großstadt-Trubel in Madurai brauche ich dringend mal wieder ein Alternativprogramm… und da kommt mir so ein Tag am Strand wirklich gelegen!

Nachdem ich also mein Gepäck im Hotelzimmer verstaut habe, mache ich mich auf den Weg zu den Klippen und zum Strand… vorbei an unzähligen Souvenirbuden und Cafés…

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Die Szene am Strand wird fest dominiert von westlichen Touristen – vornehmlich Russen, wie sich herausstellt… und unterscheidet sich nur geringfügig von jedem anderen westlichen Strand – mal abgesehen von einer Handvoll Inder, die hier eher einen verlorenen Eindruck machen in ihrer vollen Montur – mit Hemd und langer Hose oder buntem Sari… bis zu den Knöcheln im Wasser.

Dass man sich als westliche Frau in diesem kulturellen Umfeld allerdings nur im knappen Bikini bekleidet zur Schau stellt, empfinde ich dann doch als reichlich unangebracht!

Hier gibt es sogar einen Bademeister – mit Trillerpfeife natürlich – und ein „Aufräumkommando“, das den Strand säubert und in Schuss hält. Willkommen in der touristischen Realität!

Ich selbst komme mir jedoch auch etwas deplatziert vor unter all diesen (fast) nahtlos gebräunten Körpern – mit meinem kalkblassen, Fleisch-farbigen T-Shirt… aber die Herrschaften hier am Strand haben auch ganz sicher nicht solche vier Wochen hinter sich, wie ich das nunmal habe. Somit: Alles ist gut! Ich kann damit leben!

So… und jetzt ziehe ich die Badehose an und gehe schwimmen im Arabischen Meer… ich hoffe, ihr müsst nicht zu sehr leiden – bei dem Gedanken und der Kälte bei euch!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

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P.S.: Das bin NICHT ich! Nur um eurer Verwirrung vorzubeugen! Diese „Technik“ des Sonnenbadens ist mir auch neu…