Benaulim – Alles tip-top in Little Switzerland

13. Januar – Tag 31

Heute geht es weiter nach Goa – wobei ich zugeben muss, dass ich an diesem Punkt meiner Reiseplanung etwas geschludert habe. Ich komme heute Abend zwar am Dabolim Airport in der Nähe von Vasco da Gama (so heißt diese Stadt wirklich) an, aber so ganz ist mir noch nicht klar, wohin es dann gehen soll.

Ansonsten muss ich noch mal ein ordentliches Lob für mein Hotel und seine wirklich überaus hilfsbereite und freundliche Belegschaft aussprechen! Obwohl man sich hier nicht im Haupt-Touristen-Quartier von Kochi befindet (oder vielleicht gerade deshalb), ist der Service absolut überdurchschnittlich! Auf meiner gesamten Tour habe ich nur wenige Hotels erlebt, in denen wirklich alles so stimmig war. Und das für diesen guten Preis! Also noch einmal Danke dem Team vom Biju’s Tourist Home!

Um 10:40 Uhr holt mich das Taxi ab. Für den Weg zum Flughafen möchte der Fahrer stolze 900 Rs.! Aber das ist eben mal wieder die Geschichte mit der Verhältnismäßigkeit, die in Indien so hin und wieder einfach nicht stimmt. Aber was bleibt mir anderes übrig als gute Mine zum „bösen“ Spiel zu machen?

20150114-144438.jpg

Nach gut einer Stunde Fahrt kommen wir am Flughafen an und ich erfahre am Air India-Schalter direkt die erste Hiobsbotschaft des Tages: Der Flug nach Bengalore sei verspätet… aber nach einer kurzen Überprüfung sagt mir der Mann hinter dem Tresen, dass die Maschine um 17:00 Uhr in Bengalore ankommen soll – also voraussichtlich. Den Anschlussflug nach Goa um 17:45 Uhr könnte ich somit also noch erreichen. Und mein Gepäck würde er auch direkt nach Goa einchecken!

Das wird ja heiter… warum kann nicht mal einfach alles glatt laufen? Naja, irgendwie tut es das am Ende dann ja auch immer… aber diese kleinen Hürden unterwegs auf dem Weg – auf die könnte ich auch gut verzichten! Aber verbuchen wir das einfach alles mal unter der Kategorie „Nervenkitzel“!

Dann direkt die zweite Hiobsbotschaft: Meine Tasche sei zu schwer… auf Inlandsflügen sind nur 15 kg Gepäck zulässig – mein Rucksack wiegt aber 20 kg! Das Übergepäck bittet er mich freundlichst am Air India-Schalter in der Haupthalle nachzubezahlen. Er würde auch nur 3 kg aufschreiben – immerhin etwas… denn ein Kilo kostet 250 Rs.! Und da ich ja zwei Flüge gebucht habe (wir erinnern uns: Von Kochi nach Bengalore und von dort weiter nach Goa) darf ich die Gebühr auch direkt freundlicherweise zweimal entrichten!

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich heute nur mit vollen Händen mein Geld verteile – und alle anderen ordentlich die Hand aufhalten.

Nachdem ich das Übergepäck schlussendlich bezahlt habe, händigt mir der freundliche Herr meine Bordkarten aus… und bittet mich in der Nähe des Schalters Platz zu nehmen und zu warten – auf was da auch immer noch kommen möge!

Wenig später erscheint dann ein anderer Mitarbeiter von Air India und erklärt, wir würden jetzt zu einem Hotel fahren. A-ha! Zusammen mit den anderen Passagieren des Fluges verlasse ich also wieder das Flughafengebäude und wir fahren mit einem Minibus zu einem benachbarten Hotel, wo man uns ein Mittagessen spendiert… und ich noch kurz ein Posting für den Blog abschicken kann.

Um 14:10 Uhr geht es dann wieder zurück zum Flughafen und ich begebe mich durch die Sicherheitskontrolle. Dann heißt es erst mal wieder: Warten! Aber bei Air India ist heute wohl generell „der Wurm drin“ – denn alle Flüge von denen sind verspätet.

Ich hatte mich zwischenzeitlich auch schon gewundert, warum wir nur so wenige Passagiere im Hotel beim Mittagessen waren… aber dieser Tag wird noch weitere Überraschungen für mich bereit halten!

Nachdem um 15:50 Uhr der Aufruf zum Boarding erfolgt und wir durch das „Gate 2“ – eine simple Tür – auf das Vorfeld geführt werden, erklärt sich mir plötzlich einiges! Denn da draußen steht in gut 200 Metern Entfernung eine ATR 42, ein zweimotoriges Turbo-Prop-Flugzeug für ungefähr 45 Passagiere! Und das ist nunmal die einzige Air India-Maschine weit und breit – folglich also unser Flugzeug! Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal mit so einem Vogel geflogen bin – wahrscheinlich 2006 in Vietnam.

20150114-143244.jpg

Aber ich liebe ja das Fliegen generell – wie ihr wissen solltet – und so ein Flugzeug, welches etwas niedriger und langsamer als die üblichen Airbusse und Boeings fliegt, ist für mich natürlich eine ganz besondere Freude! Alleine schon der surrende Klang der Propeller beim Start – einfach fantastisch! Ein wirkliches Geschenk für mich!

Um 16:05 Uhr heben wir ab – für einen Flug von 1 Stunde – und setzen relativ pünktlich dann in Bangalore auf.

Aber jetzt geht der ganze Sicherheitswahnsinn wieder von vorne los – klar, denn bei einem Inlandsflug gibt es hier zumindest keinen Transitbereich! … und wir sind in Indien! Mehr muss ich wohl nicht dazu sagen!

Obwohl mein Handgepäck in Kochi anstandslos durch die Kontrolle gekommen ist, scheitere ich hier auf ganzer Linie! Ich darf meinen Rucksack öffnen und auch meine Souvenir-Tasche ausräumen… und währenddessen tickt die Uhr! Mittlerweile ist es 17:45 Uhr – eigentlich wäre JETZT der Abflug!

Zum Glück bin ich nicht der einzige, der sich diesen kühnen Plan hat einfallen lassen über Bangalore nach Goa zu fliegen und so führt uns ein Air India-Mitarbeiter wie seine persönliche „Schaafherde“ durch den Flughafen – immer in Richtung Gate 17.

Ich glaube, es ist ungefähr 17:50 Uhr als wir das Gate erreichen… dieses Mal ist es nicht nur eine banale Tür sondern alles ist so, wie man es gewöhnlich auch von anderen Flughäfen her kennt. Wir laufen den langen Korridor entlang – diesen „Schlauch“ zum Flugzeug – bis zu einer erneuten SICHERHEITSKONTROLLE! Ich fasse es nicht! Und ich darf schon wieder meinen Rucksack öffnen… immerhin kann ich das Flugzeug schon sehen – und das gibt mir zumindest die Hoffnung, dass sie schon nicht ohne mich abfliegen werden.

Tun sie auch nicht! Ich betrete den Airbus A319 und finde meinen Platz in Reihe 9… und der Herr am Check-In hat es mal wieder gut gemeint mit mir. Denn ich sitze am Notausgang und hier ist ja bekanntlicherweise der Sitzabstand größer. Aber wahrscheinlich ist diese Reihe für Inder ohnehin gar nicht so etwas besonderes – ist doch ohnehin hier fast jeder mindestens einen Kopf kleiner als ich. Und somit kennen die das Problem gar nicht, dass man nach so einem Flug einen Knoten in den Beinen hat!

20150114-143807.jpg

Um 19:00 Uhr landen wir auf dem Dabolim Airport im Bundesstaat Goa… und ich darf zum ersten Mal in meinem Leben beim Aussteigen meine Boardingkarte noch einmal vorzeigen… das ist dann wahrscheinlich eine sogenannte De-Bordingkarte! Der allgemeine Kontrollwahn halt! Ob ich allerdings ohne dieses wichtige Dokument im Flugzeug hätte bleiben müssen? … keine Ahnung – aber: Everything is possible in India!

Um 19:50 Uhr sitze ich im Taxi – mein Gepäck hat übrigens den gleichen Weg genommen wie ich – und fahre nach Benaulim. Diesen kleinen Ort an der Küste habe ich mir für Goa ausgesucht, weil es nicht ganz so touristisch ist wie viele andere Orte hier… und es liegt – meiner subjektiven Meinung nach zumindest – ganz günstig für die weitere Reise nach Hampi.

Auffällig auf den Straßen hier ist eine gewisse Entspanntheit – es wird wahrnehmbar weniger gehupt, die Fahrbahnen sind in einem ziemlich guten Zustand, es gibt sogar Fahrbahnmarkierungen und Laternen beleuchten auch außerorts den Weg. Für indische Verhältnisse alles ganz „sortiert“ also.

Wir fahren rund 40 Minuten und erreichen dann – in der Mitte von nirgendwo – das Guesthouse Goa Heaven. Ich hatte bereits morgens schon hier angerufen, um zu klären, ob sie noch ein Zimmer für mich haben – und somit weiß ich zwar nicht, worauf ich mich da einlasse, aber dass da zumindest ein Bett für mich bereitsteht.

20150114-144141.jpg

Aber alles ist gut! Das Hotel wird von einem keralisch-schweizerischen Paar geführt – und die schweizerischen Einflüsse sind unübersehbar. Ein echter Traum von einer Unterkunft! Es scheint auch eine große Gruppe von Stammgästen zu geben – alle schon im Pensionsalter – die hier den Winter verbringen. Denn man empfängt mich – in großer Runde am Tisch zusammensitzend bei Bier und Wein – im Eingangsbereich, einer Art offenen Pavillon. Und man spricht Deutsch – Schweizerdeutsch! Little Switzerland eben!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

Kochi – Bootsfahrt mit Theater

20150114-141932.jpg

12. Januar – Tag 30

Als ich kurz vor Acht auf dem Weg zum hoteleigenen Café an der Rezeption vorbeikomme, unterbreitet mir der nette Herr hinter dem Tresen direkt die schlechte Nachricht: Die Backwaters-Tour würde nicht stattfinden. Der Veranstalter hätte soeben angerufen und abgesagt!

Ich mache ein langes Gesicht! Ich hatte mich wirklich sehr auf diesen Ausflug gefreut! Aber ich hake nach, ob es denn keinen anderen Anbieter gäbe. Der Rezeptionist überlegt kurz, blättert in einigen Unterlagen, macht zwei Telefonate… und schon ist alles klar! Ein anderer Anbieter hat noch einen Platz frei – sogar für den gleichen Preis, für 850 Rs.! Ich sage direkt zu, denn dieses Erlebnis möchte ich mir dann doch nicht entgehen lassen.

Mit dem Taxi geht es Richtung Süden – für zirka eine Stunde. Und dann wartet eine Art offenes Hausboot auf mich…

20150114-142059.jpg

Aber noch mal kurz zur Erklärung: Die Backwaters von Kerala sind ein Gebiet, welches sich auf 75 Kilometern Länge von Kollam im Süden bis nach Kochi im Norden erstreckt – ein faszinierendes Labyrinth aus schimmernden Wasserflächen – Seen, Kanälen, Flüssen und Bächen – innerhalb einer dichten tropischen Vegetation. Mit umgebauten Reisbooten aus dunklem Jackbaumholz mit Schutzdächern aus geflochtenen Palmwedeln und Kokosbast, den kettu vallam, kann man diese Wasserwege erkunden. Und das werde ich heute tun…

20150114-142421.jpg

Es ist einfach ein sehr entspannendes und wunderschönes Erlebnis mit einem dieser gestakten Boote (von einem oder zwei Männern mit langen Bambusstangen fortbewegt und manövriert) durch die Landschaft zu gleiten – fast lautlos – und die Natur zu genießen.

Vielleicht können meine Bilder hier einen kleinen Eindruck vermitteln…

20150114-142232.jpg

Nach dem Mittagessen steigen wir um vom größeren Reisboot auf zwei gestakte Kanus… für die Fahrt über noch kleinere Kanäle und Bäche…

20150114-142606.jpg

Um halb Fünf werden wir wieder abgesetzt und mit einem Minibus zurück nach Kochi gebracht – und dort habe ich mir für den Abend noch eine besonderes kulturelles Highlight ausgesucht – eine Kathakali-Aufführung!

Kathakali ist eine einzigartige keralische Form des rituellen Theaters, in dessen Tanzdramen die Kämpfe zwischen Göttern und Dämonen dargestellt werden – alles ohne Sprache, aber dafür mit sehr viel Mimik und Gestik! Die Aufführungen dauern teilweise bis zu sechs Stunden… oder sogar die ganze Nacht – aber für Touristen führt man eine verträgliche Version mit vorhergehender Einführung und mit nur anderthalbstündiger Dauer auf. Und für einen Einblick in diese Tanzkunst ist das – jedenfalls aus meiner Sicht – auch sicherlich ausreichend.

20150114-142801.jpg

Morgen geht es weiter nach Goa… mit dem Flieger! Ein neuer Tag voller kleiner Abenteuer wartet also auf mich!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

Kochi – Super-Fast-Express

20150113-134619.jpg

11. Januar – Tag 29

Der Morgen ist entspannt… ich genieße die touristische Infrastruktur und gönne mir ein westliches Frühstück… unter Palmen mit Blick auf das Meer! So muss das sein!

Aufgefallen ist mir dabei noch die Tatsache, dass sich die meisten indischen Touristen hier deutlich westlich kleiden – mit T-Shirt und Shorts, während die meisten westlichen Touristen eher so einen indischen Ethno-Look mit Saris, Tuchkleidern und wallenden Hosen favorisieren. Das „Exotische“, das „Andere“ kann also ganz verschieden aussehen – alles nur eine Frage des eigenen Standpunktes. Aber eine Faszination übt es wohl immer auf jeden aus!

Dann geht es zum Bahnhof. Der „Kerala Super-Fast-Express“ soll mich in gut vier Stunden Fahrt nach Kochi bringen. Das Ticket kostet 145 Rs. (2,20 Euro) – eine Platzreservierung für diese Fahrt ist jedoch nicht mehr möglich. Also bin ich mal gespannt, wo ich lande mit meinem Sack und Pack… aber das weiß halt nur der Gott der Eisenbahn!

Als der Zug um 11:50 einfährt, ist aber alles halb so wild – er ist zwar gut besetzt, jedoch weit entfernt davon überfüllt zu sein. Ich finde schnell einen freien Platz… und da ich eine Fahrkarte für den „Sleeper“ – also Liegewagen – gekauft habe, kann ich mich so richtig schön lang machen, die Beine hochlegen und entspannt die Fahrt genießen.

Noch kurz am Rande erwähnt: Die Zugansagen auf den Bahnsteigen sind auch hier automatisch. Eine freundliche, aber leicht gehetzte Damenstimme vom Computerband macht alle Ankündigungen – mehr oder minder gut verständlich – zuerst auf Hindi, dann auf Englisch und hier in Kerala auf Malayalam. Das hört sich natürlich immer anders an – es gibt nur ein einziges Wort, dass immer – in allen Sprachen und egal in welcher Region – das gleiche ist – nämlich „Super-Fast-Express“! Ich liebe dieses Wort – und wie sie es aussprechen! Und dadurch, dass es immer und überall und immer wieder am Bahnhof auftaucht, hat es eine ungeheure Präsenz und auch eine gewisse „Magie“ für mich – der wundervolle „Super-Fast-Express“!

Auf halber Strecke ereilt mich dann das Schicksal, dass plötzlich ein Mann mit einem Zettel vor mir steht und auf meinen Platz deutet. Er hat eine Reservierung für die Liege… etwas missmutig räume ich das Feld. Aber ich finde in der Nähe einen anderen Sitzplatz. Es ist merklich voller geworden im Zug und wir müssen halt etwas zusammenrücken – aber für indische Verhältnisse noch immer alles ganz harmlos. Das habe ich schon deutlich anders erlebt!

Nach gut vier Stunden Fahrt kommen wir Ernakulam Junction an – das ist quasi der Hauptbahnhof von Kochi. Ich habe es übrigens aufgegeben, die Abfahrts- und Ankunftszeiten auf Pünktlichkeit hin zu überprüfen… die Hauptsache ist ja, dass es irgendwann mal los geht und man in erträglicher Zeit ankommt… oder?

Am Bahnhof von Ernakulam bietet sich mir dann mal zur Abwechslung eine neue Erfahrung. Ich habe zwar schon mal sowas an Flughäfen für Taxis gesehen – aber hier gibt es wirklich einen – von der Polizei betriebenen – sogenannten Vorab-Bezahl-Schalter (Prepaid Auto Ticket Counter) für die Motor-Rikschas! Nachdem man sich durch die notorische Warteschlange gekämpft hat, sagt man dem Mann am Schalter, wo man hin möchte, dieser schaut dann im Computer nach, wie teuer die Fahrt dorthin ist und druckt einen Beleg mit Angabe von Ziel und Preis aus. Diesen Zettel gibt man dann dem Rikscha-Fahrer – und los geht’s! Bis zum Hotel sind das gerade mal 30 Rs. – woanders hätte man als Tourist für die gleiche Strecke bestimmt 50 bis 100 Rs. gezahlt. Als Zeichen meiner Begeisterung drücke ich meinem Chauffeur dann 50 Rs. in die Hand… warum nicht immer so?

20150113-134857.jpg

Das Hotel – als Empfehlung im Reiseführer vermerkt – ist wirklich super! (Biju’s Tourist Home – http://www.bijustouristhome.com) Ein fantastisches, sauberes Zimmer, unglaublich freundliche und hilfsbereite Angestellte – und das alles für 750 Rs.! Hier habe ich zur Abwechslung auch mal ein „richtiges“ Einzelzimmer – mit wirklich nur einem einzelnen Bett. In der Regel ist man als Alleinreisender da schlechter dran – denn meistens gibt es nur Doppelzimmer – und man bezahlt dann entsprechend auch für ein Doppelzimmer!

Aber ich halte mich erst mal nicht allzu lange im Hotel auf – denn ich will heute so viel wie noch möglich von Kochi sehen… mein Zeitplan ist gerade etwas knapp.

Vielleicht noch mal kurz etwas zur Stadt: Kochi liegt im Bundesstaat Kerala – an einem großen Naturhafen der Malabarküste. Die Stadt hat rund 600.000 Einwohner, der Ballungsraum insgesamt rund 2,1 Millionen.

Kochi besteht aus mehreren Stadtteilen, die teilweise als Halbinsel oder „richtige“ Insel durch Wasser bzw. den Hafen voneinander getrennt sind. Es gibt aber einen Fährservice, der die wichtigsten Orte miteinander verbindet.

Der Fähranleger ist vom Hotel nur einen Steinwurf weit entfernt und nachdem ich mein Gepäck im Zimmer verstaut habe, mache ich mich auf den Weg dorthin. Zurzeit befinde ich mich ja noch in Ernakulam… mein Ziel ist Fort Cochin, der alte, kolonial geprägte Bereich der Stadt. Bereits im frühen 16. Jh. beginnt hier die Geschichte der Europäer mit den Portugiesen, denen später die Holländer und Briten folgten. Angeblich soll hier auch Vasco da Gama gelebt haben, der sicherlich damals für umfangreiche Veränderungen in Sachen Handel und Handelswege verantwortlich war – jedoch vom „Ruhm“ her immer hinter Kolumbus zurückstehen muss… der Arme! Ich für meine Person muss mich zum Glück in diesem Fall auf keinen mehrwöchige Segeltörn einlassen, sondern kann einfach die Fähre nehmen – für 4 Rs.! Und schon nach gut zwanzig Minuten Fahrt bin ich am Ziel.

20150113-135321.jpg

Der im Reiseführer beschriebene Charme von Fort Cochin ist sicherlich bis heute zu spüren – aber man merkt mindestens genau so deutlich, dass hier die Tourismus-Welle schon ordentlich über den Ort „geschwappt“ ist. In den Straßen wimmelt es von Touristen, an jeder Ecke wirbt ein Heritage-Hotel, ein Traveller-Café oder ein Yoga-Ayurveda-Studio um die Gunst der Kunden… vielleicht etwas zu viel des Guten. Da wirken die chinesischen Fischernetze am Ufer – obwohl sie noch genutzt werden – eher wie Staffage, wie das Bühnenbild für die heile Touristenidylle.

Trotzdem genieße ich am Strand – zusammen mit Hunderten anderer Touristen – den wirklich wunderschönen Sonnenuntergang im Meer. Man muss sich halt einfach nur vorstellen, man wäre ganz alleine am Strand – zumindest so lange bis einem ein indischer Tourist auf die Hand latscht…

20150113-135640.jpg

Ich schlendere noch ein wenig durch die Straßen – hier findet gerade eine große Kunst-Biennale statt – um mich dann mit der nächsten Fähre wieder auf den Rückweg zu begeben.

Beim Kauf eines Tickets für die Fähre gibt es übrigens das Prinzip, die Schlange nach Männern und Frauen zu trennen. Beim ersten Mal habe ich das erst gar nicht richtig gemerkt. Ich habe mich einfach dort angestellt, wo am wenigsten Andrang war. Erst im Nachhinein ist mir dann aufgefallen, dass in dieser Reihe wirklich nur Frauen gestanden haben – wobei jetzt keiner denken soll, dass es deshalb etwas „zivilisierter“ zugegangen wäre… denn hier wurde genauso gestoßen und vorgedrängelt wie auch sonst üblich. Beim Anstellen spielen die Inder halt generell mit „härteren Bandagen“ – völlig Geschlechter-unabhängig!

Wieder im Hotel angekommen übermittelt mir der Rezeptionist eine schlechte Nachricht: Es wäre zwar noch nicht ganz sicher, aber der Veranstalter meiner Bootsfahrt über die Backwaters – die Flüsse und Seen im Hinterland – müsste wahrscheinlich aufgrund der zu geringen Anzahl an Anmeldungen die Tour absagen!

So ein Mist! Ich hatte mich wirklich sehr auf diesen besonderen Ausflug gefreut. Nun ja… morgen früh um Acht wissen wir mehr!

Varkala – Fest in russischer Hand!

20150110-155020.jpg

10. Januar – Tag 28

Um halb Elf mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof – per Motor-Rikscha. Für kürzere Strecken ist das einfach unbestritten das beste und günstigste Transportmittel.

Am Bahnhof angekommen, bietet sich das gewohnte Bild von Dutzenden von wartenden Reisenden, die hier bis zur Abfahrt ihres Zuges die Zeit verbringen und sich häuslich niedergelassen haben, auf Decken auf dem Boden zusammensitzen und essen oder einfach nur schlafen – mitten im Bahnhof… und auch auf dem Bahnhofsvorplatz unter freiem Himmel!

20150110-154730.jpg

Nach der Auskunft des Beamten am Informationsschalter fährt mein Zug von Gleis 5 ab. So etwas wie einen Fahrplan-Aushang gibt es hier zwar schon, aber da stehen nur die Ankunfts- und Abfahrtszeiten drauf – nicht jedoch das entsprechende Gleis.

Mein Zug steht dann auch schon am Bahnsteig bereit… und ich finde schnell die für mich reservierte Liege im Wagen S1, welche jedoch von einer indischen Familie okkupiert wird.

Mit Händen und Füßen versuche ich zu erklären, dass sie auf meiner Liege sitzen würden… denn niemand von ihnen spricht englisch. Doch die Ehefrau lächelt mich nur an mit dem Ausdruck, dass das doch nicht so schlimm sei – was ich aber durchaus anders empfinde. Schließlich würde ich mich gerne dort niederlassen – und mich im Idealfall eigentlich auch gerne hinlegen.

Ich schlage vor, dass wir unsere Liegen tauschen. Ich nehme die obere von den drei Liegen, welche eigentlich von der Familie reserviert sind und dafür könnten sie ja meine untere Liege haben. Aber die Dame gibt mir deutlich zu verstehen, dass das nicht funktionieren würde – weil dort oben ja ihr Ehemann in Ruhe schlafen müsste.

An diesem Punkt müsste ich eigentlich etwas weiter ausholen… Die klassische, indische Gesellschaft war und ist bis heute eine patriarchalische. Mit der Konsequenz, dass es das höchste Ziel der Frau ist, ihrem Ehemann zu Diensten zu sein… und für ihn das Leben so bequem wie nur möglich zu gestalten. Trotz der neuen Rollenbilder in den Mittelschichten hat sich an diesem grundsätzlichen Verständnis noch nicht viel geändert. Ohne jetzt noch weiter auszuschweifen, ist diese Frau also nur ihrem klassischen Rollenbild gefolgt. Mir die – vermeintlich – bequemere, obere Liege abzutreten, war für sie somit keine Option.

Lange Rede, kurzer Sinn… nach meinem weiteren Drängen räumen sie schlussendlich meinen Platz. Die Ehefrau verbringt dann die Nacht – gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter und ihrer Schwiegermutter – auf der gegenüberliegenden, unteren Liege. Alles in allem für mich eine befremdliche Situation… aber mit dem gesellschaftlichen Hintergrund einfach nachzuvollziehen. Indien ist in vielerlei Hinsicht eine andere Welt, in der andere Grundsätze und Gebräuche gelten – wenn auch manche hiervon für mich nur schwer nachzuvollziehen sind. Aber auch deshalb bin ich hier, um genau so etwas zu erleben, um das tägliche Leben zu sehen… und genau deshalb will ich mich nicht in eingezäunten Touristenenklaven in einer Scheinwelt aufhalten.

Mit einer halben Stunde Verspätung geht es um 23:30 Uhr los. Die Nacht ist unspektakulär… wenn auch wenig komfortabel – ich schlafe wieder halb auf meinem Rucksack. Aber sicher ist sicher. Wenigstens wird es – trotz geöffneter Fenster – nicht wirklich kalt im Waggon… und der von mir vorsichtshalber bereitgelegte Schlafsack dient eher dazu mir selbst ein Minimum an Behaglichkeit vorzugaukeln – und weniger um der Kälte zu trotzen.

Als ich um Halb Sieben wach werde, ist es draußen schon hell. Es ist diesig… und es sieht aus wie im Urwald – dichte Palmenwälder säumen die Eisenbahnstrecke. Auf der Landkarte versuche ich unsere genaue Position zu orten – gar nicht so einfach ohne GPS. Außerdem hält der Zug – da es sich um keinen Express sondern nur um einen Passenger-Train handelt – an jedem Bauernhof. Mir ist es ein Rätsel, wie wir die gesamte Strecke überhaupt bewältigt haben bei den ewigen Zwischenstopps. Und auf der Landkarte sind natürlich gar nicht erst alle Bahnhöfe eingezeichnet. Aber gelegentlich kann ich dann doch den einen oder anderen Ort ausmachen… und es ist nicht mehr weit bis Varkala.

An einem (etwas) größeren Bahnhof kommt ein Chai-Wallah – ein Tee- und Kaffeeverkäufer – durch den Zug. Ein Kaffee wäre nicht schlecht jetzt – aber eigentlich habe ich nur noch große Scheine in der Tasche. Und einen Kaffee für 8 Rs. mit einer 500 Rs.-Note zu bezahlen stößt hier selten auf viel Gegenliebe. Das kann so ein fliegender Verkäufer niemals wechseln… und meine letzten kleinen Scheine habe ich gestern Abend dem Motor-Rikscha-Fahrer für die Tour zum Bahnhof gegeben.

Irgendwie habe ich aber wohl schon instinktiv genickt, als ich den Mann vor mir habe stehen sehen… denn schon hat er mir einen Becher mit dem dampfenden Getränk hingestellt. Ich greife also – eher aus Verzweiflung – in meine Hosentasche auf der Suche nach irgendwelchen Restbeständen an Kleingeld – und fördere noch genau 8 Rs. in Münzen zutage. Unglaublich – aber wie sagt man: Das Glück ist mit den Doofen!

Als wir ankommen in Varkala – natürlich mit Verspätung – ich muss meine These über die Pünktlichkeit der indischen Eisenbahn wohl revidieren – empfängt uns schon die übliche Meute von Taxi- und Motor-Rikscha-Fahrern. Hier gibt es offensichtlich etwas besonderes – denn an den vorherigen Haltepunkten war von so einem Trubel nichts zu sehen.

Mit einem koreanischen Paar teile ich mir ein Taxi zu den Klippen – zu der Gegend, in der auch alle Guesthouses liegen. Man merkt schon im Reiseführer, dass dies hier eine stark vom Tourismus geprägte Ecke ist – denn die Preise für Unterkünfte haben sich mal eben verdoppelt. Aber ich habe – mal wieder – Glück beim ersten Versuch… und kann den Preis sogar noch von 1.000 auf 900 Rs. runterhandeln (Oceanic Beach Residency – wirklich empfehlenswert, falls ihr mal in der Ecke seid).

Ich habe übrigens kurzfristig meine Pläne geändert… denn nach dem Großstadt-Trubel in Madurai brauche ich dringend mal wieder ein Alternativprogramm… und da kommt mir so ein Tag am Strand wirklich gelegen!

Nachdem ich also mein Gepäck im Hotelzimmer verstaut habe, mache ich mich auf den Weg zu den Klippen und zum Strand… vorbei an unzähligen Souvenirbuden und Cafés…

20150110-154530.jpg

Die Szene am Strand wird fest dominiert von westlichen Touristen – vornehmlich Russen, wie sich herausstellt… und unterscheidet sich nur geringfügig von jedem anderen westlichen Strand – mal abgesehen von einer Handvoll Inder, die hier eher einen verlorenen Eindruck machen in ihrer vollen Montur – mit Hemd und langer Hose oder buntem Sari… bis zu den Knöcheln im Wasser.

Dass man sich als westliche Frau in diesem kulturellen Umfeld allerdings nur im knappen Bikini bekleidet zur Schau stellt, empfinde ich dann doch als reichlich unangebracht!

Hier gibt es sogar einen Bademeister – mit Trillerpfeife natürlich – und ein „Aufräumkommando“, das den Strand säubert und in Schuss hält. Willkommen in der touristischen Realität!

Ich selbst komme mir jedoch auch etwas deplatziert vor unter all diesen (fast) nahtlos gebräunten Körpern – mit meinem kalkblassen, Fleisch-farbigen T-Shirt… aber die Herrschaften hier am Strand haben auch ganz sicher nicht solche vier Wochen hinter sich, wie ich das nunmal habe. Somit: Alles ist gut! Ich kann damit leben!

So… und jetzt ziehe ich die Badehose an und gehe schwimmen im Arabischen Meer… ich hoffe, ihr müsst nicht zu sehr leiden – bei dem Gedanken und der Kälte bei euch!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

20150110-155544.jpg

P.S.: Das bin NICHT ich! Nur um eurer Verwirrung vorzubeugen! Diese „Technik“ des Sonnenbadens ist mir auch neu…

Madurai – Im Palast bröckelt der Putz…

20150109-181554.jpg

9. Januar – Tag 27

Heute gibt es nicht viel Aufregendes zu berichten… ich habe mir den Thirumalai-Nayak-Palast angeschaut. Das Gemäuer stammt aus dem 17. Jh. – steht jedoch nur ungefähr noch zur Hälfte und der bescheidene „Rest“ ist jetzt auch nur mäßig spannend. Deshalb erspare ich euch weitere Ausschweifungen zu diesem Thema.

20150109-181707.jpg

Der Anschlag in Paris ist hier übrigens auch in allen Tageszeitungen die erste Schlagzeile auf den Titelseiten. Zugegeben, dieses Ereignis hat eine besondere und globale Relevanz, aber Indien hat sicherlich eher einen Blick auf die Welt, als wir Europäer zum Beispiel den Blick auf Indien haben… denn wer von euch weiß wahrscheinlich schon, dass hier gerade die Bergarbeiter streiken?

Heute Abend um 23:05 Uhr geht es weiter mit dem Nachtzug nach Varkala. Das sind gut neun Stunden Fahrt. Ich werde mich zumindest soweit ausrüsten, dass ich was Warmes zum Anziehen griffbereit habe… nur für den Fall.

Varkala wird jedoch nur ein kurzer Ein-Tages-Stopp. Am Abend geht es noch weiter nach Kollam – aber das liegt gleich „um die Ecke“ nur eine halbe Stunde mit dem Zug entfernt. Aber alles weitere dann morgen…

Ach, bevor ich es vergesse… ich freue mich natürlich auch weiterhin über eure Kommentare im Blog bzw. eure Mails! Es ist immer schön, mal wieder was aus der Heimat zu hören!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

20150109-181810.jpg

P.S.: Das auf dem Foto oben sind übrigens echte, lebendige Küken… wie man die so bunt bekommt ist mir allerdings ein Rätsel… und vor allem auch warum man das tut. Gesund ist das bestimmt nicht… und über Tierschutz reden wir auch lieber ein anderes Mal!

Madurai – Da steht ’ne Kuh auf dem Flur…

20150109-121807.jpg

8. Januar – Tag 26

Meine gestrige „Internet-Aktion“ war noch recht abenteuerlich… wie ich ja schon geschrieben habe, hatte das Hotel kein eigenes W-Lan. Nach endlosem Nachfragen in den umliegenden Hotels, die entweder partout ihr Netz nur für Hotelgäste zur Verfügung stellen wollten oder aber Fantasiepreise dafür verlangt haben, bin ich also schlussendlich mit dem iPod in der Hand durch die Straßen gelaufen auf der Suche nach einem nicht gesicherten W-Lan. Und irgendwann – ich war schon ganz kurz davor aufzugeben – hatte ich dann eine Verbindung! Auch obwohl die Umgebung nicht richtig zum Verweilen einlud, habe ich dann – auf einer Mauer am Straßenrand sitzend – meine Blog-Postings hochladen und kurz meine Mails abrufen können. Everything is possible in India – halt!

Zur Belohnung gab es dann noch ein kühles Bier hinterher… welches man hier allerdings nicht so einfach bekommt. In Restaurants wird hier in den allermeisten Fällen kein Alkohol ausgeschenkt. Um trotzdem ein Bier oder sonstige Spirituosen zu erwerben, muss man schon einen Liquor-Store finden. Und von denen gibt es nicht viele! Aber der Andrang dort ist deshalb gerade abends enorm!

Ich habe keine Ahnung, ob der Hinduismus das Trinken von Alkohol verbietet. Die auch in Indien verbreitete Religionsform des Jainismus tut das zum Beispiel. Aber bei der Nachfrage in dem Liquor-Store hier um die Ecke kann man den Eindruck gewinnen, dass es nicht alle so ernst nehmen mit dem Alkoholverzicht.

Leider gibt es auch etwas Unangenehmes zu berichten… denn der Gott des Schuhwerks hatte wohl gestern Ruhetag – und ich habe mir am linken Fuß eine ordentliche Blase gelaufen in meinen neuen Tretern. Aua! Mal sehen, wie sich die Lage weiter entwickelt…

Aber nun zum Tagesgeschehen: Um Zehn vor Sieben treffe ich mich mit Fernando auf dem Hotelflur und wir laufen gemeinsam zum Bahnhof – keine 10 Minuten und somit eine leicht zu Fuß zu bewältigende Distanz… und Fahrkarten hatten wir ja schon gestern besorgt. Da der Zug erst ab Tiruchirapalli verkehrt, steht er auch schon abfahrbereit am Bahnsteig. Von einem der zahlreichen fliegenden Händler kaufe ich noch einen Kaffee durch das natürlich offene Zugfenster…

Und dann um 7:16 – mit nur einer Minute Verspätung – setzt sich die schier endlos erscheinende Karawane aus unzähligen Waggons in Bewegung in Richtung Madurai. Die Fahrt nutzen wir für unsere weitere Reiseplanung – obwohl absehbar ist, dass sich Fernandos und meine Wege an unserem Zielbahnhof wieder trennen werden.

Wir haben mittlerweile herausgefunden, dass die Züge von Madurai nach Kochi erst einmal komplett nach Süden bis an den äußersten Zipfel des Subkontinents fahren – um sich dann wieder die Küste entlang nach Norden hochzuarbeiten. Fernando will daher noch den am südlichsten gelegenen Ort Indiens „mitnehmen“ – Kanyakumari. Das ist für mich keine echte Option – zumal mein Zeitbudget ja auch deutlich geringer ist als das seine. Aber ich werde nicht direkt bis nach Kochi durchfahren – wie ursprünglich geplant – sondern unterwegs in Varkala einen Zwischenstopp einlegen… wegen des fantastischen Strandes vor der roten Klippenkulisse… und auch meine Bootstour über die Backwaters nicht von Kochi aus starten sondern bereits südlicher von Kollam aus.

Nach drei Stunden Zugfahrt erreichen wir dann unser Ziel – die Stadt Madurai. Am Bahnhof kaufe ich noch eine Fahrkarte nach Varkala und lasse mich dann per Motor-Rikscha zum Guesthouse fahren. Dieses Mal habe ich direkt beim ersten Versuch Glück… und 650 Rs. sind ein akzeptabler Preis für diese Unterkunft.

Das Besondere an dem Hotel ist auch, dass es nur eine Querstraße entfernt vom Sri Meenakshi Sundareshwarar-Tempel liegt und eine Dachterrasse mit einem grandiosen Blick über die gesamte Anlage bietet. Denn erst von hier oben erschließen sich wirklich deren Ausmaße.

Der Sri Meenakshi Sundareshwarar-Tempel zählt zu den größten Tempelkomplexen Indiens. Ein Großteil der Anlage entstand zwischen dem 16. und 18. Jh. – jedoch sind einige Teile deutlich älter. Insgesamt schmücken den Tempel schätzungsweise 33.000 Götter- und Dämonendarstellungen aus Stein und Stuck. In Madurai gelangte der Gopura, eine Art Turm und wichtiger Bestandteil der südindischen Tempel, zur Vollendung. Der gesamte Komplex weist zwölf dieser Türme auf – die größten sind bis zu 46 Metern hoch.

20150109-122315.jpg

Nachmittags mache ich mich dann auf den Weg die Anlage zu erkunden. Aber ich muss feststellen, dass dort bis 16:00 Uhr quasi „Mittagspause“ herrscht! Die Götter müssen ja auch mal runterkommen bei all dem Trubel hier – denn der Sri Meenakshi Sundareshwarar-Tempel ist einer der meistbesuchten in ganz Südindien – man zählt hier bis zu 15.000 Besucher täglich!

Aber als dann wieder pünktlich geöffnet wird, traue ich fast meinen Augen nicht – an den Eingängen haben sich innerhalb kürzester Zeit riesige Besucher-Schlangen gebildet. Das kann ja heiter werden, denke ich noch und laufe noch einmal um den Komplex herum. Auf der Ostseite befindet sich noch ein kleinerer Nebeneingang und hier ist die Warteschlange noch ganz harmlos. Also rein ins Vergnügen!

Zuallererst muss man aber – wie in allen hinduistischen Tempeln üblich – die Schuhe ausziehen. Und hier darf man sogar noch nicht einmal Rucksäcke oder Fotoapparate mit hinein nehmen. Deshalb gibt es aber eine Art „Gepäckaufbewahrung“, wo man sein Hab und Gut abgeben kann.

Hier schlägt dann auch direkt der indische Sicherheitswahn wieder zu – denn alle Taschen müssen – bevor man sie abgeben kann – mit einem Röntgengerät durchleuchtet werden. Auf der Maschine findet sich auch der ausdrückliche Hinweis doch bitte keine Körperteile ins Gerät zu halten… was aber ohnehin im Moment völlig gefahrlos wäre – denn die Maschine verweigert ihren Dienst! Obwohl die Dame am Apparat wild auf alle Knöpfe drückt und hektisch mit jemandem telefoniert, tut sich erstmal nichts! In gewohnt indischer Manier drängeln sich aber alle Umstehenden erst einmal vor, um zu sehen, warum es denn nicht weitergeht – wäre ja auch zu einfach, wenn man einfach mal abwartet – denn helfen kann der jungen Dame bei ihrem Problem von diesen Herrschaften ohnehin niemand. Aber so sind sie eben, die vorwitzigen Inder!

Nach etlichen Minuten des Wartens taucht dann ein Herr auf, der es schafft, das Gerät wiederzubeleben. Vor mir ist noch ein russisches Paar an der Reihe und der männliche Part darf dann direkt zweimal seinen Rucksack durch das Gerät schieben – und wird dann ruppig dazu verdonnert, seine Kamera auszupacken und vorzuzeigen. Meinen Rucksack – in dem ebenso eine Spiegelreflexkamera steckt – winkt man jedoch anstandslos durch. Alles in Ordnung… bitte weitergehen! Das soll mal jemand verstehen… indische Logik halt!

Dann im Tempel… die Anlage ist riesig und teilweise nur für Hindus zugänglich. Nach welchem Prinzip diese Abgrenzung stattfindet, hat sich mir bisher jedoch nicht erschlossen – denn das wird irgendwie in jedem Tempel anders gehandhabt. Mal darf man überall hin und mal eben nicht – so wie im aktuellen Fall. Wie ich schon erwähnte, muss man auch Film- und Fotokameras am Eingang abgeben… mit dem Mobiltelefon darf man jedoch weitgehend ungeniert alles fotografieren, was einem vor die Linse kommt – wovon auch insbesondere die Inder regen Gebrauch machen. Hier ein Selfi mit dem Gott Sowieso und dann noch das notorische Gruppenbild mit Oma mit einer anderen Gottheit. Somit vergesse ich irgendwann auch meine anfängliche Zurückhaltung beim Fotografieren – was die alle können, kann ich schon lange!

20150109-122128.jpg

Ich wandele also durch die schier endlosen Gänge und Hallen… von einer Gottheit zur nächsten. Dieser Tempel dient nämlich gleich der Verehrung mehrerer Götter. Ganz praktisch eigentlich – dann muss man nicht kreuz und quer durch die Gegend fahren und kann direkt mehrere Heilige „in einem Rutsch“ beehren.

Immer wieder werde ich auch von Tempelführern angesprochen, die mir ihre Dienste anbieten. Aber ich lehne dankend ab. Mir ist zwar bewusst, dass ich so nicht bis zu den tiefsten Geheimnissen des Tempels vordringen werde, aber da die Götterwelt hier so komplex und umfangreich ist, hätte ich wahrscheinlich ohnehin schnell den Überblick verloren. Und grundsätzlich geht es mir auch weniger um jedes einzelne Detail als vielmehr darum, die Atmosphäre zu erleben. Den „Rest“ lese ich dann mal bei Wikipedia nach!

20150109-121941.jpg

Was mich aber wirklich amüsiert hat im Tempel ist die Tatsache, dass es hier einen Kuhstall gibt! Kein Scherz – einen richtigen Kuhstall! Das hängt natürlich damit zusammen, dass die Kuh als heiliges Tier verehrt wird – nicht ohne Grund hat mein Blog natürlich auch diesen Namen. Die Gläubigen kaufen an einem Stand Grünzeug und gehen damit in den Stall um dann die Kühe zu füttern. Holy Cow… Heilige Kuh!

In diesem Sinne: Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

Tiruchirapalli – Frische Farbe für die Götter

20150107-221052.jpg

7. Januar – Tag 25

Internet-mäßig ist es gerade schwierig in Kontakt zu bleiben. Mein aktuelles Hotel hat kein WLAN!

Aber deshalb heute nur eine kurze Zusammenfassung…

Den großen Tempel hier habe ich mir einfach mal „geschenkt“… wie ich später gesehen habe, ist der sowieso momentan komplett mit Folien zugehängt – wegen Renovierungsarbeiten! Auch Götter brauchen also mal ’nen neuen Anstrich!

Stichwort Götter… dafür war mir aber der Gott des Einkaufs heute sehr zugetan! Ich habe tatsächlich neue „Schlappen“ in Größe 12 erstanden… die der Verkäufer allerdings ganz unten aus dem Stapel rausgezogen hat. Ich nehme mal an, dass er froh war diesen Ladenhüter endlich los zu werden. Wurde auch dringend Zeit, denn mein bisheriges Schuhwerk drohte schon sich in seine Einzelteile zu zerlegen!

Dann habe ich noch zwei neue Hosen erstanden… ich hatte neulich im Bus einen kleinen „Unfall“ mit einer meiner Hosen… und habe mir an ungünstiger Stelle am Allerwertesten ein Loch reingerissen. Sehr unvorteilhaft! Aber jetzt bin ich wieder top ausgestattet. Und sogar eine ordentliche Länge haben die – wobei ich den Eindruck hatte, dass hier alle Hosen beim Kauf grundsätzlich erst einmal lang sind und man sie dann beim Schneider auf „seine“ Länge kürzen lässt. Aber den Weg kann ich mir natürlich sparen.

Und Souvenirs habe ich auch noch so einige erstehen können. Wie gesagt: Ein wahrlich göttlicher Tag zum Shoppen!

20150107-221211.jpg

Ansonsten habe ich noch das Rock Fort besucht. Wer aber jetzt an französische Käsespezialitäten denkt, ist auf dem Holzweg! Das ist eine ehemalige Befestigungsanlage auf einem 80 Meter hohen Felsen hoch über der Stadt. Ganz oben auf der Spitze der Anlage befindet sich der Ganesh-Tempel… von dessen Terrasse man eine fantastische Aussicht über die Stadt hat. Und somit habe ich mein Tempel-Pensum für heute doch noch erfüllen können!

20150107-221350.jpg

Morgen geht es dann weiter nach Madurai… in aller Frühe! Denn der Zug verlässt den Bahnhof – so die Eisenbahn-Götter es denn wollen – bereits um 7:15 Uhr. Die Fahrt wird voraussichtlich drei Stunden dauern. Die Fahrkarten (95 Rs.) haben wir uns heute morgen schon besorgt – wir, weil ich zurzeit noch mit Fernando unterwegs bin. Das ist ganz entspannt mit ihm, denn wir gehen jeder so unsere eigenen Wege und treffen uns hin und wieder immer mal.

Also mal wieder: Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

Tiruchirapalli – Happy Journey!

20150107-221511.jpg

6. Januar – Tag 24

„Happy Journey“ – so steht es oben auf jeder Fahrkarte der indischen Eisenbahngesellschaft, die übrigens der größte Arbeitgeber der Welt ist… und auch die zweitgrößte Eisenbahngesellschaft auf dem Globus! Mit denen werde ich heute meine nächste Etappe nach Tiruchirapalli zurücklegen. Das ist nur eine kurze Distanz… die Fahrt dauert mal gerade eine Stunde.

Aber vorher muss ich den Vormittag noch nutzen um meine Reiseplanung weiter voranzutreiben. Ich brauche ein Bahnticket von Madurai nach Kochi, einen Flug von Kochi nach Goa, eine Fahrkarte für den Nachtbus nach Mumbai, dort auch ein Hotel und für die Tour durch die Slums wollte ich mich auch noch anmelden.

Den Flug von Kochi nach Goa habe ich relativ schnell recherchiert im Netz – mit Air India gibt es eine Verbindung, bei der man nur einmal umsteigen muss. Aber die kann ich nicht direkt online buchen.

Die Bahnfahrt – es verkehrt nur ein durchgehender Zug auf der von mir ausgewählten Strecke – ist natürlich schon wieder ausgebucht. Aber ich habe gehört, dass es bestimmte Kontingente für ausländische Touristen gibt. Das will ich morgen dann am Bahnhof in Tiruchirapalli klären.

Die Buchung der Nachtbusfahrt wird dann zur echten Geduldsprobe. Der Anbietet hat zwar auch ein Online-Buchungssystem, aber jedes Mal nachdem ich meine kompletten Daten eingegeben habe – das ganze Bla-Bla mit Name, Alter, Geschlecht, Adresse und Kreditkarte – bricht der Bezahlvorgang ab. Nach dem dritten Versuch rufe ich die Hotline an, die mir freundlicherweise rät, es doch einfach noch einmal zu versuchen! Na danke für die Hilfe! Nach dem fünften Versuch gebe ich mich geschlagen. Ich werde es noch einmal in den nächsten Tagen versuchen.

Mein favorisiertes Hotel in Mumbai schreibt mir dann natürlich auch noch zurück, dass sie im entsprechenden Zeitraum schon ausgebucht sind. War ja klar! Ich wähle also drei andere Hotels aus dem Reiseführer aus und hoffe, mit meiner Anfrage hier erfolgreicher zu sein.

Wenigstens lässt sich die Tour durch die Slums einfach online buchen und direkt mit Paypal bezahlen. Warum kann nicht alles so einfach funktionieren?

Für den Flug brauche ich also jetzt ein Reisebüro! Deshalb frage ich den Rezeptionisten um Rat. Nach meinen „Hand-und-Fuß“-Erklärungsversuchen ist er zumindest halbwegs in der Lage meine Frage zu verstehen. Ja, da gäbe es eins direkt neben der Stadtverwaltung und dem Gericht. An der Ecke bin ich auf dem Weg zum Tempel schon mal vorbeigekommen – ich erinnere mich! Also los… ich laufe den Kilometer zu dem von ihm genannten Ort. Aber dort angekommen, findet sich weit und breit natürlich kein Reisebüro! Dafür stelle ich zu meiner Verblüffung fest, dass Thanjavur wohl die Welthauptstadt der Kopierläden sein muss… denn von denen gibt es hier Dutzende! Und ein Schreibbüro – wobei die Bezeichnung „Büro“ auch schon ziemlich hochgegriffen ist. Eigentlich haben hier nur mehrere Menschen einen Tisch mit einer Schreibmaschine drauf auf dem Gehweg stehen. Aber der zweifellos vorhandene Andrang läßt darauf schließen, dass es durchaus Nachfrage für diese Art der Dienstleistung gibt.

So suche ich weiter nach einem Reisebüro… Thanjavur ist halt keine Großstadt, wo man ein solches Geschäft an jeder Ecke finden würde. Und jemanden danach zu fragen gestaltet sich auch zunehmend schwerer – denn irgendwie wird mit jeder Etappe in Richtung Süden auch die Quote der „Englisch-Kundigen“ geringer.

Nach etlichen Frage-Versuchen finde ich dann einen Apotheker, der mich wieder vor sein Geschäft schiebt und mit dem Arm einmal diagonal über die Straße deutet… auf ein großes Plakat mit der Aufschrift „Air-Ticket Booking“. Heureka! Ich steige also die Stufen hinauf zu diesem ominösen Geschäft – welches eigentlich so etwas wie eine Wechselstube und ein Kreditvermittler ist. Die Flüge verkauft man hier dann quasi „noch so nebenbei“. Aber alles in allem macht der Laden einen soliden Eindruck.

Ich reiche der Dame auf der anderen Seite des Schreibtisches meine bereits im Internet recherchierte Flugverbindung und sie bestätigt mir diese – für 7.000 Rs. kein Schnäppchen, aber da es sich ja eigentlich um zwei Flüge handelt irgendwie schon in Ordnung. Ich fliege also jetzt von Kochi nach Bengaluru und von dort mit dem nächsten Flug weiter nach Goa.

Auf dem Rückweg zum Hotel laufe ich noch kurz am Bahnhof vorbei und kaufe die Fahrkarte für meine heutige Fahrt nach Tiruchirapalli – für 30 Rs. für eine Stunde Bahnfahrt!

Gelobt und gepriesen sei der Gott des öffentlichen Personenverkehrs – ob nah oder fern!

Um 13:00 Uhr bin ich zurück im Hotel und packe meine sieben Sachen zusammen… noch kurz meine Mails checken – aber keine Neuigkeiten von der Hotel-Front.

Und dann wird es auch langsam Zeit sich aufzumachen… der Zug fährt um 15:00 Uhr. Aber zum Bahnhof sind es nur einige hundert Meter vom Hotel aus. Auf dem Weg dorthin versorge ich mich noch mit Reiseproviant – Kekse und hier natürlich am allerwichtigsten: Wasser! Und um halb Drei stehe ich dann auf dem Bahnsteig und warte auf das, was da kommen mag… als plötzlich ein weiterer westlicher Tourist auftaucht – ein Portugiese namens Fernando, wie sich im Nachhinein herausstellen wird, der jetzt bereits sechs Jahre unterwegs ist quer durch die Welt.

An diesem Punkt sollte ich erwähnen, dass mir in den letzten Wochen einige Langzeitreisende über den Weg gelaufen sind… ein Paar aus der Schweiz, das jetzt seit zwei Jahren unterwegs ist (teilweise mit dem Fahrrad), die beiden Frauen aus Berlin, die seit anderthalb Jahren „on Tour“ sind, ein Israeli und ein Franzose, die sich seit einem Jahr schon durch die Welt treiben lassen. Da frage ich mich, wie die das alle finanziert bekommen – denn obwohl das tägliche Leben hier deutlich günstiger ist als in Europa, Geld kostet es ja trotzdem. Aber etwas neidisch war ich schon jedes Mal…

Der Zug hat Verspätung – eine halbe Stunde! Das bin ich von der indischen Eisenbahn gar nicht gewohnt… und das ist jetzt mal nicht ironisch gemeint! Denn meine bisherigen Erfahrungen gehen eher in die Richtung, dass die Züge hier (verhältnismäßig) pünktlich verkehren.

20150107-221652.jpg

Mit einer halben Stunde Verspätung geht es dann los um 15:30 und nach einer Stunde Fahrt sind wir in Tiruchirapalli – oder auch meistens Trichy genannt.

Die Stadt unterscheidet sich auf den ersten Blick und meinem Eindruck bei der Ankunft am Bahnhof nicht großartig von anderen indischen Städten.

Sie besticht einzig durch eine Festungsanlage auf einem Felsen in der Stadtmitte. Die wollte ich mir dann morgen anschauen… und den Sri Ranganathaswamy-Tempel. Und wer das am Stück ohne zu „stolpern“ aussprechen kann, bekommt von mir ein Banana-Lassi spendiert!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

20150107-221804.jpg

Thanjavur – I feel like dancing…

20150105-190743.jpg

5. Januar – Tag 23

Heute stehen der Brihadishwara-Tempel und der königliche Palast in Thanjavur auf meinem Programm – viel mehr gibt es hier auch nicht zu sehen. Wobei der Tempel trotzdem schon etwas besonderes ist – und auch Weltkulturerbe-Status genießt.

Der Brihadishwara-Tempel wurde zum einen als Zeichen der Macht seines Erbauers – König Rajaraja I. (985-1014) – erbaut und zum anderen als Ort zur Verehrung der Gottheit Shiva. Die Ausmaße der Tempelanlage sind entsprechend riesig – alleine der Hauptturm misst eine Höhe von 61 Metern. Das Allerheiligste im Inneren des Tempels – ein 3,50 Meter hoher Shivalingam – trägt den Namen Adavallan… übersetzt bedeutet das „Derjenige, der gut tanzen kann“ und bezieht sich auf Shiva als Nataraja, den Gott des Tanzes, welcher die Lieblings-Gottheit des Königs war.

Obwohl der Tempel noch „in Betrieb“ ist, ist diese Lingam nicht immer zu sehen – so leider auch heute nicht. Der Vorhang wird nur für besondere Zeremonien gelüftet.

Der Palastkomplex, mit dessen Bau in der Mitte des 16. Jh. begonnen wurde, liegt in der Mitte der Stadt in etwa 2 Kilometern Entfernung zum Tempel und ist leider schon ziemlich „durch“ – verzeiht mir diese saloppe Ausdrucksweise… also ähnlich wie mein Hotel in Puducherry vom Zustand her! Zumal wenn man die Paläste in Rajasthan gesehen hat, kann einem dieses Gemäuer nur ein müdes Gähnen abgewinnen.

Aber nichts desto Trotz beherbergt dieser Palast die größte und bedeutendste Chola-Bronzen-Sammlung der Welt. Dabei handelt es sich ursprünglich um heilige Tempelobjekte – wie z.B. das Bildnis Shivas, auf einem Bein stehend, von Flammen umgeben und mit wilden, fliegenden Locken – ein weltweit bekanntes „Markenzeichen“ für Indien… fast so wie das Taj Mahal.

20150105-190859.jpg

Ein ausgefüllter Tag jedenfalls! Und langsam geht es daran, mir Gedanken über den Rest meiner Reise zu machen… die ersten drei Wochen sind um. Ich habe schon etwas gestrichen von meiner Liste – denn das wird einfach zu viel und ist nicht wirklich realistisch zu bewältigen. Und irgendwie soll es ja auch noch Urlaub sein… dachte ich mir mal.

Ich muss mich um mein Hotel in Mumbai kümmern… Mumbai ist halt immer was besonderes – die heimliche Hauptstadt Indiens. Die Preise verdreifachen sich dort schnell für Hotels im Vergleich zum Rest des Landes… und ohne Reservierung bekommt man schon gar nichts erschwingliches. Das war ja auch meine Erfahrung bei meinem letzten Aufenthalt.

Und ich werde versuchen an einer organisierten Tour durch die Slums von Mumbai teilzunehmen… sowas wird tatsächlich angeboten und ich glaube, dass das eine sehr spezielle aber auch besondere Erfahrung sein kann. Ich halte euch auf dem Laufenden diesbezüglich!

Morgen geht es aber erstmal weiter mit dem Zug nach Tiruchirapalli – oder kurz einfach nur Trichy… bei dem richtigen Namen komme ich auch ins Artikulations-Stolpern. Aber das ist nur eine Dreiviertelstunde von hier entfernt – nach den Torturen der letzten Tage ja auch mal ganz angenehm!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

Thanjavur – On the road again…

20150104-195747.jpg

4. Januar – Tag 22

Um 9:30 Uhr verlasse ich die gastliche Stätte, in der ich meine letzte Nacht verbracht habe. Irgendwie war die halbe Nacht „Remmi-Demmi“ auf dem Flur – und ich habe nur mäßig gut geschlafen. Aber schließlich waren außer den beiden Berlinerinnen und mir ja auch ausschließlich Inder im Hotel. Die haben da anscheinend ihre eigenen Vorstellungen, was Rücksichtnahme angeht. Aber das hatte ich ja schon mal erwähnt – solch eine Regung ist im Hinduismus nicht wirklich verankert. Da ist jeder halt „seines eigenen Glückes Schmied“!

Ganz süß waren noch zwei indische Jungs – einer vielleicht 10 Jahre alt und der andere 6 Jahre – die ich auf dem Flur getroffen habe. Wie üblich wird dann der Standard-Fragenkatalog heruntergespult: Woher ich komme, wie ich heiße, was ich arbeite. Aber all das hat seinen Grund… denn die klassische indische Gesellschaft ist stark geprägt von Hierarchien. Und man möchte einfach nur schnell herausfinden, auf welcher Stufe man denn sein Gegenüber einzuordnen hat. Als der Zehnjährige (!!!) dann jedoch nach meinem Gehalt gefragt hat, bin ich nicht weiter drauf eingegangen und habe das Thema zu Fußball gewechselt. Aber selbst eine solch direkte Frage ist für Inder nichts ungewöhnliches – denn hier hält man mit seinem Verdienst nicht „hinter’m Berg“ – wie man das ja in Deutschland eher tut. Es dient einfach nur der Einschätzung seines Gegenübers.

Mit der Motor-Rikscha lasse ich mich also zum Busbahnhof zurückbringen. Im Reiseführer steht, dass der Bus von hier nach Thanjavur 5 Stunden unterwegs sein soll. Aber die erste Überraschung des Tages ist dann die Tatsache, dass es keinen durchgehenden Bus zu meinem Wunschziel gibt von Puducherry aus. Erschwerend kommt hier noch hinzu, dass alles ausschließlich in Tamil beschriftet ist – lauter lustige Schleifen und Bögen, die mir alle nichts sagen.

An diesem Punkt muss ich mal Kritik üben an meinem „Guidebook“. Das ist die Indien-Ausgabe von Stefan Looses Reisehandbuch – aber vom Prinzip „nur“ die deutsche Übersetzung der entsprechenden Ausgabe des „Rough Guides“. Und gerade beim Thema Busse und deren Verbindungen stimmt einfach so gut wie nie etwas. Aber vielleicht ist das auch zuviel verlangt, den gesamten Busverkehr Indiens wiedergeben zu wollen – zumal sich da sicherlich auch von Zeit zu Zeit Änderungen ergeben. Aber ich wollte es mal erwähnt haben.

Nach einigem Durchfragen weiß ich jetzt zumindest, dass ich zuerst bis Chidambaram weiter südlich fahren muss und wohl von dort einen direkten Bus nach Thanjavur nehmen kann.

Gesagt – getan! Der Bus braucht für die gut 70 km fast zwei Stunden… und der ganze Spaß kostet 43 Rs. Ansonsten aber keine besonderen Vorkommnisse – für indische Verhältnisse.

In Chidambaram am Busbahnhof nimmt mich der Fahrer dann sogar noch „an die Hand“ und bringt mich direkt zu der richtigen Haltestelle für den Bus nach Thanjavur. Wobei das alles hier nie so genau definiert ist wie bei uns. Zumindest bringt er mich also in den richtigen Bereich des Busbahnhofs.

Aber das ist meine Erfahrung bisher beim Busfahren, dass sich irgendwer immer meiner angenommen hat… der Kioskbesitzer oder der Schaffner, der mir zur richtigen Zeit zugerufen hat, wo es losgeht oder wann ich raus muss… oder sonst ein hilfreicher Passant oder Mitreisender, der sich für mich erkundigt hat. Alle hier mal wieder total freundlich und hilfsbereit! Aber so ist Indien halt einfach – wenn man sich abseits der Touristenströme bewegt!

20150104-194922.jpg

Nachdem ich eine Stunde gewartet habe – mich zwischenzeitlich mit Pakoras verköstigt habe – rollt der richtige Bus nach Thanjavur auf den Hof.

Schon beim Einsteigen wird mir bewusst, dass dieser Bus noch eine ganz spezielle Sonderausstattung besitzt – neben der Hupe und den durchgängig geöffneten Fenstern: Nämlich eine Musikanlage, die der Fahrer ausgiebig und mit ohrenbetäubender Lautstärke einsetzt.

Zu meinem eigenen Wohl verzichte ich auf meinen „Stammplatz“ vorne links in der ersten Reihe neben dem Fahrer – denn genau dort ist auch in diesem Fall der Lautsprecher montiert. Ich schiebe meinen Rucksack auf eine Zweier-Sitzbank in der Mitte des Busses – in gebührendem Abstand zu der tosenden Schallquelle… und hoffe einfach, dass der Bus nicht zu voll wird und mich jemand bittet, den Platz freizugeben. Denn dann wird’s eng – und es gibt in diesem Bus auch so gut wie keinen anderen Stauraum für ein solches Ungetüm von Tasche.

Wir passieren Dörfer und Kleinstädte… die Landschaft gleicht der von gestern. Auffällig sind nur die gerade in ländlichen Gegenden vermehrt auftauchenden Häuser mit einem Dach aus Palmblättern.

Noch eine Randbemerkung meinerseits: Auch obwohl man mit Indien immer Dreck und schmutzige Straßen assoziiert, sind die Inder eigentlich sehr reinliche Menschen. Wenn man hier unterwegs ist – und gerade heute am Sonntag – sind alle „wie aus dem Ei gepellt“. Die Frauen tragen ihre Saris, ihren Schmuck und haben Blumen in die Haare gepflochten. Und auch bei den Männern läuft niemand in verschwitzten oder gar schmutziger Bekleidung durch die Gegend. Dass man trotzdem seinen Müll – und ich meine wirklich den Hausmüll – einfach auf die Straße wirft und es allen auch total egal ist, wie es da aussieht, liegt auch im Hinduismus begründet. Für Inder wäre es z.B. undenkbar – wie in der westlichen Welt ja üblich – ein Vollbad zu nehmen und in seinem eigenen „Dreck“ zu liegen – eigentlich nachvollziehbar. Deshalb behauptet bitte niemals, Indien wäre ein schmutziges Land. Man hat hier einfach nur andere Regeln und Vorstellungen.

Um kurz nach Fünf passieren wir – nach fast vier Stunden Fahrt – dann endlich Thanjavur und der Schaffner nickt mir zu – ich muss raus! Eine Motor-Rikscha bringt mich zu meinem Hotel, das laut Reiseführer in der Stadt alternativlos sein soll. Heute Morgen hatte ich auch bereits den Portier in Puducherry hier für mich anrufen lassen, um ein Zimmer zu reservieren. So einen Reinfall wie gestern wollte ich heute auf jeden Fall vermeiden.

Ich bekomme ein tolles Einzelzimmer für 605 Rs. und schon beim Eintreten leuchtet mir ein makellos weißes Bettlaken entgegen. Die indische Toilette mag ich da doch gerne in Kauf nehmen – der Rest „stimmt“ aber wirklich!

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!