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Mit der Economy-Business-Class nach Indien

14. Dezember 2014 – Tag 1

Jetzt geht es wirklich los… so ganz habe ich es aber irgendwie immer noch nicht verstanden. Aber ich sitze definitiv in einem Flugzeug, das mich nach Delhi bringen soll! Und von dort geht es dann – nach einem kurzen Aufenthalt – weiter nach Kalkutta bzw. nach Kolkata, wie es heute richtigerweise heißt.

Pünktlich um 20:30 betrete ich das Flugzeug der Air India am Frankfurter Flughafen, meine Nase „umspült“ direkt ein süßlich-muffiges Aroma… eine Mischung aus Desinfektionsmittel, Gewürzen, Schweiß und noch einigem anderen… Indien hat mich wieder – schneller als ich dachte!

Die Innenausstattung der Boeing 787 „Dreamliner“, die mich in etwas mehr als 7 Stunden nach Delhi bringen soll, hat durchaus schon bessere Tage gesehen… ich hoffe zutiefst, dass den Triebwerken da mehr Sorgfalt und Pflege zuteil wurde. Aber nach den bisherigen „Fluggeräten“ auf meiner Liste ist so eine Boeing mit abgewetztem Teppich noch „ganz weit vorne“! Oder seid ihr schon mal mit ’ner Iljuschin 62 geflogen? Also!

Die Dame beim Check-in hat es zweifellos gut mit mir gemeint – denn sie hat mir einen Sitzplatz am Notausgang in Reihe 30 „spendiert“. Vor mir sind 2 Meter Abstand bis zur Wand – also absolute Beinfreiheit! Danke dafür!

Um 21:50 schiebt sich der Flieger dann langsam auf die Startbahn und länger als von den innereuropäischen „Hüpfer“ gewohnt rumpelt die Boeing über die Piste… bis sie dann abhebt. Schnell durchstoßen wir die Wolkendecke… Frankfurt verschwindet unter uns in der Dunkelheit der Nacht!

15. Dezember 2014 – Tag 2

Den Flug verbringe ich dann auf die angenehmste nur mögliche Art: Nämlich schlafend! Und im Anschluss an das „Continental breakfast“ setzt die Maschine dann um 9:30 Ortszeit wieder auf… es ist geschafft!

Nachdem ich das Flugzeug verlassen habe, stellt sich mir die entscheidende Frage: Und wohin jetzt? Mein Anschlussflug nach Kolkata startet um 14:20… das ist ein Inlandsflug. Also folge ich erst einmal den „Domestic Transfer“-Schildern… und durchlaufe irgendwann zwangsläufig die Einreise-Prozedur. Die Dame am Schalter in Frankfurt meinte zu mir, dass sie meinen Rucksack direkt bis Kolkata „durchchecken“ würde. In dem Moment dachte ich noch „Prima, dann musst du dich nicht in Delhi um deine Tasche kümmern!“ Aber je länger ich über den organisatorischen Ablauf dieser Aktion nachdenke, umso mehr wird mir klar, dass das alles so nicht funktionieren kann… immerhin wechsele ich von einer internationalen auf eine nationale Verbindung… und da ich ja schon in Delhi einreisen „musste“, wäre hier auch der Zeitpunkt um mit meinem Rucksack durch den Zoll zu gehen. Schließlich gibt’s auf Inlandsflügen keine Zollkontrollen mehr! Und so kommt es, wie es kommen muss: Die Dame am Schalter hier in Delhi fragt nach meinem Koffer, ich erzähle meine „Geschichte“ dazu und sie bestätigt meine Vermutung. Jetzt hatte ich „spaßeshalber“ mal einen Blick auf das Gepäckband geworfen, auf dem die Gepäckstücke aus Frankfurt ihre Runden gezogen haben. Aber meine Tasche? Fehlanzeige! Die nette Dame von Air India nimmt mich „ins Schlepptau“ und mit der Unterstützung von drei eifrig in ihre Mobiltelefone und Funkgeräte schnatternden „guten Geister“ von der Gepäckwiederbeschaffung erscheint meine Tasche dann irgendwann wie von Geisterhand auf einem der Gepäckbänder! Dabei hat die Dame vom Schalter die drei „Jungs“ ordentlich „auf Trab gehalten“… nach einer Bemerkung von einem der drei zu ihr, wendet sie sich zu mir und fragt, ob ich Hindi verstehen würde… Nein, antworte ich. Wahrscheinlich hat einer von den dreien ordentlich abgelästert über die unfähigen Touristen.

Ich bedanke mich also bei allen Beteiligten und ziehe von dannen… bleibt nur die nächste Überraschung, ob mein Rücksack dann auch wirklich den Weg nach Kolkata schafft…

Mit zehn Minuten Verspätung hebt mein Anschlussflug ab. Der Flieger – wieder eine Boeing 787 – ist fast bis auf den letzten Platz ausgebucht – jedoch so gut wie keine westlichen Touristen an Bord! Es ist also wirklich so, wie es der Reiseführer angekündigt hatte: Kolkata schafft es nicht auf die Reiseroute der meisten Touristen! Der Ruf dieser Stadt ist schlecht – sie soll laut und schmutzig sein… aber das sind andere Großstädte auch in Indien – und das hat mich somit nicht abgeschreckt. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt, was mich dort erwartet.

16:20 hat die Erde uns wieder… Landung in Kolkata! Außentemperatur momentan 27 Grad… nur zu eurer Information! … und mein Rucksack hat den Weg übrigens auch geschafft!

Am Flughafen besteht jetzt meine erste große Aufgabe darin, an Bares zu kommen. Und obwohl das hier vorgibt eine Großstadt zu sein, gestaltet sich die Suche nach einem schnöden Geldautomaten doch wieder eher schwierig… das alles gepaart mit dem üblichen Problem „Broken english“! Aber schließlich bin ich erfolgreich – und stolzer Besitzer von 8.000 Rupien. Und ich kann mich auf den Weg in die Innenstadt machen.

Ich entscheide mich für den Volvo-Schnellbus. Wobei hier die Bedeutung des Wortes „Volvo“ in keinerlei Beziehung zu dem schwedischen Kfz-Hersteller steht – denn kein einziges Teil an diesem Fahrzeug hat jemals schwedischen Boden gesehen… geschweige denn, dass dieses Vehikel überhaupt ein „Volvo“ wäre. Im lokalen Sprachgebrauch ist das vielmehr das Synonym für einen klimatisierten Bus… halt keinen, wo die Fenster zur Hälfte fehlen – oder wahrscheinlich nie eingebaut wurden. Per Handzeichen halte ich das Gefährt vom Straßenrand aus an und der Schaffner lässt mich bei langsamer Fahrt aufspringen. 50 Rs kostet der Spaß… und das ist schon der Luxus-Preis! Ein echtes Schnäppchen… denke ich mir in dem Moment noch – und habe dabei nicht bedacht, dass der Busbahnhof „Esplanade“ mitten in der Stadt liegt… und ich keinen blassen Schimmer habe, wie ich von dort zu einem Hotel kommen soll.

Am Busbahnhof herrscht natürlich – wie nicht anders zu erwarten – das ultimative Chaos… was man ja ohnehin hier generell IMMER beim Thema Verkehr sagen muss. Und zu guter Letzt tobt auch noch gerade die Rush-Hour durch die Straßen Kolkatas… und vom Straßenrand aus darf ich beobachten, wie selbst waschechte Inder daran scheitern sich ein leeres Taxi zu organisieren.

Also Plan B: Dann eben zu Fuß weiter… was aber auch so seine Tücken hat, wenn man auf einem ungefähren Stadtplan nur so ungefähr weiß, wo man ist und die meisten Straßen keine Namensschilder haben. Doch nach einem kurzen Austausch mit einem Verkehrspolizisten (der wieder auch nur ein paar Brocken Englisch beherrscht) habe ich zumindest halbwegs eine Idee, wo ich denn gerade bin – und wo ich hin muss.

Die ersten Indizien weisen auf den richtigen Weg hin… am „Indischen Museum“ laufe ich vorbei, biege in die Park Street ein, dann links und die erste rechts. Und da ist es! Ich stehe vor dem Sunflower Guest House. Denen hatte ich letzte Woche schon gemailt – aber nach meiner zweiten Mail zur Bestätigung der Reservierung keine Rückmeldung mehr bekommen. An der „Rezeption“ (zwei Sofas und ein Couchtisch) sagt dem anwesenden „Rezeptionisten“ mein Name zumindest was… aber die Zimmer in der von mir angefragten „Buchungsklasse“ sind natürlich alle belegt. Und so bekomme ich ein Zimmer in der nächsthöheren Kategorie angeboten… 1.290 Rs ist jetzt schon etwas happich – dafür habe ich jetzt ein Dreibett-Zimmer! Aber was soll ich mit drei Betten anfangen?

Ich mache „gute Mine zum bösen Spiel“… es ist schon gegen Acht Uhr Abends, mein Tag war anstrengend und ich sehne mich danach einfach nur auf ein Bett zu fallen… und davon abgesehen ist das Zimmer wirklich ganz ordentlich.

Vom Ballast meines Rucksacks befreit mache ich mich auf den Weg die nähere Umgebung des Hotels zu erkunden (wobei mir heute wieder bewusst geworden ist, warum ein Rucksack das einzig Wahre für eine solche Reise durch Indien ist: Mit ’ner Reisetasche bekommt man über längere Strecken einfach auch „lange Arme“ und so ein Koffer mit Rädern funktioniert nicht aufgrund des schlechten Zustands der Gehwege und Straßen). Auf der Dachterrasse des Hotels „stolpere“ ich noch über zwei Koreaner und einen Südinder, die mit ’ner Flasche Rum den Abend beschließen. Schnell werden die Reisepläne ausgetauscht, dann mache ich mich auf den Weg. Als wirklich auffällig empfinde ich, dass obwohl mein Hotel in einem bei Backpackern beliebten Bezirk liegt, keine anderen westlichen Touristen auf der Straße zu sehen sind. Das habe ich aus Delhi und Mumbai deutlich anders in Erinnerung. Nach einem schnellen Chicken Marsala kehre ich wieder heim ins Hotel… und schlafe direkt ein.

Everything is possible in India! … und dieser Tag war auf jeden Fall mal wieder Bestätigung genug für diesen Spruch! Endlich angekommen!

Namaste!

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On the road to Rajasthan

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9.-11. November / Tag 23-25

Ihr Lieben da draußen und Zuhause!

Ich muss jetzt erst ‚mal tief durchatmen… denn mein „Reisetempo“ hat sich in den letzten drei Tagen doch deutlich gesteigert. Das hat den Grund, dass ich ja seit dem 9. November einen Wagen mit Fahrer habe. Und Radhey – mein Fahrer – ist schon ein sehr spezieller Typ… der König von Rajasthan, wie er sich heute selber betitelt hat… er hat auf jeden Fall ein gesundes Ego und kennt wirklich „Gott und die Welt“ – auch wenn das bei den Hindus bestimmt anders heißt… die haben ja jede Menge Götter… das ist fast schon inflationär.

Radhey „schleppt“ mich überall hin und gibt mir dabei oft einen Blick „hinter die Kulissen“ – einerseits, was hier direkt den Tourismus angeht, andererseits zeigt er mir aber auch die Ecken abseits der Touristenpfade… auch die vielleicht nicht immer so schönen Saiten dieses widersprüchlichen und vielfältigen Landes. Wir lachen viel und versuchen die „Cheater“ (Betrüger) – so nennt Radhey die Leute, die versuchen die Touristen über’s Ohr zu hauen – mit Ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Er ist schon ein wirklich ungewöhnlicher Typ… ganz bestimmt nicht der Fremdenführer und Fahrer aus dem Reisekatalog… aber der wäre mir wahrscheinlich eh‘ auch zu langweilig.

Heute haben wir z.B. in einer echten indischen Fernfahrer-Raststätte (anders weiß ich es nicht zu beschreiben, auch wenn es nicht das war, was Ihr Euch jetzt wahrscheinlich drunter vorstellt… halt eher eine „zusammengezimmerte“ Hütte am Straßenrand, in der gekocht wurde) zu Mittag gegessen. Weil ich dort erzählt habe, dass ich auch schon mal einen Lkw gefahren habe (naja… einen 7,5-Tonner), hat Radhey direkt mit einem Fernfahrer gesprochen, der mich dann mit seinen Kollegen einige Kilometer „auf’m Bock“ mitgenommen hat. Das war – trotz komplizierter Verständigung – ein ziemlicher Spaß! Nicht nur für mich… auch für die Trucker… wirklich herzensgute und liebe Typen! Und auch die Leute am Straßenrand und an der Mautstation haben große Augen gemacht. Ein „Westler“ im indischen Truck ist auf jeden Fall für alle ein ziemlicher Hingucker gewesen. Aber das Angebot den Lkw ‚mal selber zu fahren – immerhin eine große Zugmaschine mit Aufleger – habe ich dann dankend abgelehnt!

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Ihr seht bzw. lest ja, dass meine Reise gerade etwas andere Züge angenommen hat. Und das finde ich auch gar nicht schlecht so.

So ganz „nebenbei“ habe ich in den letzten Tagen noch Sehenswürdigkeiten von Weltrang gesehen – den Qutb Minar sowie das Indira Gandhi Memorial in Delhi, das Taj Mahal und das Rote Fort von Agra, die verlassene Stadt Fatehpur Sikri sowie die größte Treppenquelle ganz Rajasthans in Abhaneri (Escher läßt schön grüßen).

Soweit möglich werde ich natürlich auch weiterhin versuchen Euch mit meinen Geschichten und Erlebnissen zu versorgen… soweit ich noch hinterherkomme mit dem Aufschreiben!

Heute Abend sind wir in Jaipur angekommen. Das liegt etwa 200 Kilometer westlich von Agra und bereits in Rajasthan. Von hier aus wird meine Reise weitergehen über Nagaur, Jaisalamer (Wüste Thar), Jodhpur und Ranakpur nach Udaipur. Da „verläßt“ mich mein Fahrer wieder und ich werde mit der Bahn weiterreisen nach Ahmedabad und Mumbai, meiner vorerst letzten Station auf dieser Reise. Schaut doch einfach ‚mal in Euren alten Dierke-Weltatlas…

Zum Schluss möchte ich noch versuchen Euch durch diese Fotos hier einige meiner Erlebnisse etwas näher zu bringen… ohne Worte…

Wie gewohnt ein „Namaste“ Euch allen und passt auf Euch auf!

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Humayun-Mausoleum… und dann auf’n Zug

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1. November / Tag 15

Um meine Zeit in Delhi bis zur Weiterreise nach Chandigarh noch sinnvoll zu nutzen, habe ich mir das Humanyum-Mausoleum für eine Besichtigungstour ausgesucht.

Das Grabmals Humayuns, welches im Auftrag seiner Frau 1565 vollendet wurde, gilt mit seiner 43 Meter hoch aufragenden Marmorkuppel als Prototyp der Mogul-Mausoleen. Das nach einem ähnlichen Plan erbaute Taj Mahal zeigt diesen Baustil in seiner Hochblüte ein Jahrhundert später. Die für die sogenannte Mogul-Architektur charakteristische, das Hauptgebäude umgebende Parkanlage wird hier zum ersten Mal auf indischem Boden umgesetzt und soll dem Bau – trotz seiner Größe – eine gewisse Leichtigkeit und Verspieltheit verleihen.

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Für den Weg dorthin nutze ich die U-Bahn, die meiner Meinung nach das einzig brauchbare Verkehrsmittel in Delhi darstellt – sie ist schnell, man muss nicht über den Preis verhandeln oder soll noch zwischendurch bei einem Bruder vorbeischauen, der rein zufällig ein Geschäft irgendwo auf dem Weg hat und sie ist unschlagbar preiswert.

Von meinem Zielbahnhof muss ich noch einige hundert Meter zum Mausoleum laufen. Unterwegs habe ich das Gefühl, dass mich viele Inder begutachten als wäre ich „von einem anderen Stern“. Man erregt hier wirklich noch Aufsehen, wenn man sich in weniger touristischen Stadtteilen bewegt. Das verwundert mich schon sehr.

Der Eintritt für den Mausoleums-Komplex beträgt – nach indischen Maßstäben – happige 250Rs. (3,60 Euro). Hinter dem Kassenhäuschen gelange ich dann über den Hauptweg direkt zu einem der vier Portale der Anlage.

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Nachdem ich das Torhaus durchschritten habe, offenbart sich mir der erste Blick auf das Grabmal – ein wirklich beeindruckendes Gebäude und deshalb auch nicht ohne Grund von der UNESCO als Weltkulturerbe klassifiziert.

Mein eigentlicher Plan für den heutigen Tag war, diese bedeutende Architektur ausführlich fotografisch festzuhalten. Nun ist es jedoch schon Mittag und die Sonne steht bereits recht hoch. Erschwerend kommt noch hinzu, dass der Smog in Delhi mal wieder eine diffuse „Lichtsuppe“ entstehen lässt. Zum Fotografieren folglich denkbar schlechte Vorraussetzungen. Trotzdem gebe ich mich nicht direkt geschlagen, sondern streife noch umher durch den Park um wenigstens einige wenige brauchbare Bilder zu „schießen“.

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Besonders auffällig sind dabei für mich mehrere indische Paare, bei denen die Partner für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich eng beieinander sitzen, sich teilweise sogar umarmen. Mir scheint es so, als würden sie die Gunst dieser abgeschiedenen und vorwiegend von ausländischen Besuchern bevölkerten Enklave nutzen wollen, denn in der Öffentlichkeit ist es in Indien ansonsten ein absolutes Tabu für Paare Hand-in-Hand zu gehen oder sich gar zu küssen. Auf der anderen Seite ist es in diesem Land der Widersprüche nichts ungewöhnliches Männer Hand-in-Hand in der Öffentlichkeit zu sehen… und das hat nichts mit schwul sein zu tun, sondern drückt lediglich gute Freundschaft aus… aus unserer westlichen Sicht trotzdem auch ein recht ungewohnter Anblick.

Wenig später verlasse ich die Anlage wieder und kehre zum Hostel zurück – um 17:15 fährt mein Zug nach Chandigarh.

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Der Weg zur New Delhi Station – einem von mehreren Hauptbahnhöfen in Delhi – beträgt von meiner Unterkunft aus knapp 10 Minuten zu Fuß. Der Bahnhof ist voll von Menschen – egal wohin man schaut… überall nur Menschen. Die indische Eisenbahn ist nicht ohne Grund die größte der Welt und für den Personen- und Güterverkehr innerhalb des Landes von zentraler Bedeutung. Doch auch wenn man bei all diesen Menschenmassen denken könnte, heute wäre hier der erste Tag der Sommerferien, ist es doch nur ein ganz gewöhnlicher Tag wie jeder andere auch.

Ich entdecke meinen Zug auf der großen digitalen Anzeigetafel in der Bahnhofshalle: Den Shatabdi Express von Gleis 1. Dort angekommen steht der Zug auch schon bereit zum Einsteigen. An der Tür meines Wagens finde ich auf einer langen Passagierliste meinen Namen – im Waggon C5, Sitzplatz Nr. 20 – genau wie gebucht!

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Der Waggon unterscheidet sich von innen kaum von einem Großraumwagen der Deutschen Bahn – abgesehen von der Tatsache, dass die Inder fünf Sitzplätze in eine Reihe „bekommen“: Einmal zwei und einmal drei Sitze nebeneinander. Neben meinem Fensterplatz sitzt ein indisches Ehepaar, die – obwohl der englischen Sprache durchaus mächtig, wie sich herausstellt – ganz Inder-untypisch eher spärlich mit Äußerungen mir gegenüber sind. So kommt leider kein wirkliches Gespräch zustande.

Dafür überrascht mich umso mehr der Bordservice im Zug: Zunächst verteilt ein Steward an jeden Reisenden eine Flasche Wasser, danach wird ein Imbiss serviert: Frittierte Teigtaschen mit Gemüsefüllung, ein Sandwich mit undefinierbarem Belag, Orangensaft im Tetra-Pak und einen unglaublich süßen Nachtisch mit Pistazien. Nach dem Festmahl gibt es noch wahlweise Kaffee oder Tee – und das alles im Fahrpreis von unschlagbaren 420Rs. (6 Euro) inklusive – bei immerhin einer Strecke von 266km.

Auch Sicherheit wird mal wieder groß geschrieben an Bord: Ein Polizist fordert jeden Fahrgast auf, ihm sein Gepäck zu zeigen. Die so identifizierten Gepäckstücke werden dann als „Checked“ mit einem neon-roten Aufkleber versehen. Natürlich ist klar, dass mich der Beamte übersieht… und sei es nur aus dem Grund, dass er kein Englisch spricht und sich so nicht die Blöße geben will. Auf jeden Fall ist er, so schnell wie er gekommen ist, auch wieder verschwunden… und auf meinem Rucksack klebt als einzigem Gepäckstück kein Aufkleber! Na toll! Nicht, dass ich jetzt direkt das Sondereinsatzkommando zur Not-Sprengung meiner Tasche erwarte… aber hier weiß man ja nie so genau! Doch ich habe Glück: Kurze Zeit später eilt der Aufkleber-verteilende Beamte wieder zurück durch den Waggon und ich mache mit deutlichen Gesten auf mich aufmerksam… und bekomme meinen roten Punkt auf den Rucksack geklebt.

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Nach gut dreieinhalb Stunden Fahrt kommt der Zug auf die Minute pünktlich (!) um 20:40 Uhr im Bahnhof von Chandigarh an. Da könnte sich die Deutsche Bahn auch einmal eine Scheibe von abschneiden – bei dieser Distanz hätte die unter Garantie eine Verspätung von mindestens einer Viertelstunde „eingefahren“.

Draußen vor dem Bahnhofsgebäude wieder das übliche Schauspiel: Dutzende von Tuk-Tuk-Fahrern, die sich gegenseitig versuchen Fahrgäste für eine Tour streitig zu machen. Aber das „Angebot“ an Kundschaft ist groß – der Bahnhof von Chandigarh liegt immerhin 8km außerhalb der Stadt… Lieber Herr Corbusier! Das hätte man vielleicht auch etwas sinnvoller planen können!

Trotz Dunkelheit bemerke ich schon auf der Fahrt zum Hotel, dass sich der „Charakter“ von Chandigarh grundlegend von dem anderer indischer Städte unterscheidet: Die Straßen sind als breite, baumbestandene Alleen ausgebaut, es ist wahrnehmbar sauberer und alles scheint auch irgendwie geregelter vonstatten zu gehen – selbst gehupt wird hier weniger.

Der Tuk-Tuk-Fahrer – selbst in Chandigarh geboren – betont mir gegenüber dann auch deutlich, wie sehr er seine Stadt zu schätzen weiß: „Chandigarh is India’s best!“

Mein Mittelklasse-Hotel verlangt pro Nacht stolze 1.100Rs. (16 Euro) – und das ist schon für hiesige Verhältnisse ein echtes Schnäppchen! Chandigarh scheint auf der Landkarte der Rucksack-Touristen nicht zu existieren – so findet man hier auch nicht die sonst üblichen, auf diese Zielgruppe ausgerichteten Billig-Unterkünfte. Ich für meinen Teil genieße jedenfalls den unverhofften Luxus in meinem Zimmer: Ein gutes Badezimmer, Klimaanlage und Tv – mit 94 Programmen auf Hindi. Da ist für jeden was dabei – nur für mich nicht! Was soll’s… so gerädert wie ich bin, schlafe ich ohnehin innerhalb von wenigen Augenblicken ein.

Neue Pläne – to be continued

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31. Oktober / Tag 14

„Namaste“ Euch allen da draußen!

Ich hoffe mal, mein gestriges Erlebnis auf dem Weg zum Flughafen hat Euch nicht zu sehr geschockt. Mir steckt es nur noch ein wenig „in den Knochen“… aber es zeigt einmal wieder, wie schnell man hier – sogar ohne eigenes Zutun – in eine unschöne Situation geraten kann. Ich bin mir sicher, dass ich zu keinem Zeitpunkt in ernsthafter Gefahr gewesen bin – im schlimmsten Fall hätte ich wohl mein Flugzeug verpasst oder den Fahrpreis für meinen Transport zum Flughafen ein zweites Mal bezahlt… aber das wäre ja alles zu verschmerzen gewesen.

Man muss eben auch auf dem Subkontinent ständig auf der Hut sein… und das haben mir sogar schon Inder erklärt und sich für ihre kriminellen Landsleute entschuldigt. Es gibt einfach auch große Armut hier… und jeder versucht sich auf seine Art ein Stück vom Kuchen zu sichern.

Scott hat mir in Varanasi eine Geschichte erzählt über seine Reise aus Nepal nach Indien. Am ersten Umsteigebahnhof in Indien wurde er von einem durchaus seriös erscheinenden Inder angesprochen und auf einen Tee eingeladen. Diesen Tee, den der vermeintlich gastfreundliche Fremde zuvor bei einem Straßenhändler gekauft hatte, hatte er anschließend unauffällig mit K.O.-Tropfen versehen – mit dem offensichtlichen Ziel Scott um sein Geld und seine Kreditkarte zu erleichtern. Scott hatte dabei noch Glück im Unglück, denn die Dosis war zu gering gewählt um ihn direkt ins „Reich der Träume“ zu schicken. Obwohl er später ziemlich müde wurde, verlor er nicht das Bewußtsein und konnte sich in seinen Anschlusszug „retten“.

Diese Geschichte und natürlich mein eigenes Erlebnis haben mir noch einmal verdeutlicht, dass man auch hier (leider) erst einmal keinem „über den Weg“ trauen darf – auch wenn man damit ein ganzes Land unter Generalverdacht stellt – und das ist einfach unfair all den vielen ehrlichen, hilfsbereiten und herzlichen Menschen gegenüber, die ich hier schon kennengelernt habe.

Aber: Jetzt gibt’s erst einmal neue Pläne für den bescheidenen Rest meines Aufenthalts! Morgen fahre ich mit dem Zug von New Dehli nach Chandigarh – einer neuen Stadtgründung aus den 1950er Jahren unter Federführung des französischen Star-Architekten LeCorbusier. Touristisches gibt es da zwar nicht so viel zu sehen… schon klar, dass da eher mein berufliches Interesse überwiegt.

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Dafür musste ich dann auch das angebliche Abenteuer des Fahrkartenkaufs auf mich nehmen… erlebt habe ich jedoch nur einen unglaublich bürokratischen Verwaltungsakt. Nach dem Ausfüllen eines speziellen Antragsformulars darf man in einer Art „Stuhlkreis“ Platz nehmen und mit allen anderen Wartenden Platz um Platz aufrücken bis man an der Reihe ist. Dann wird die Fahrkarte ausgestellt – mit Pass- und Visums-Nummer. Es soll ja niemand verloren gehen hier!

Immer wieder habe ich mir die Frage nach dem Grund für diese unglaubliche Bürokratie hier gestellt – und konnte noch keine Antwort darauf finden. Wahrscheinlich ist das so weil es einfach so ist… Wir haben das schon immer so gemacht, also warum sollten wir denn etwas anders machen?

Ach so, auch das Thema „Vordrängeln“ war heute wieder dran beim Kauf der Fahrkarte – wenn auch dieses Mal nicht nur ich alleine betroffen war. Als dann meine Sitznachbarn rechts und links empört aufgesprungen sind und wild gestikulierend auf den Vordrängler losschimpften, da bin ich einfach auch mit aufgestanden und zu dritt haben wir den Tunichtgut des Platzes verwiesen. Es wird Zeit, dass hier auch einmal (ein kleines bißchen) Ordnung Einzug hält.

„Shanti shanti“ und passt auf Euch auf! Bis bald!

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Back to Delhi – Vom Chaos wieder ‚heimwärts‘

30. Oktober / Tag 13

Heute geht es wieder zurück nach Delhi… und ich bin gefragt meine noch offene weitere Reiseplanung zu konkretisieren. Dazu werde ich mir aber Zeit in Delhi nehmen. Den Morgen in Varanasi nutze ich dazu in Ruhe meine „Sieben Sachen“ zusammenzupacken, das Hotel zu bezahlen, meinen Transport zum Flughafen zu organisieren. Anstelle eines Taxis schlägt der Mann an der Rezeption vor lieber ein Tuk-Tuk, diese Mischung aus Motorroller und Rikscha, zu nehmen. Das würde genau so lange dauern und wäre dazu noch billiger. Ich habe nichts dagegen. Die Taxifahrt war aus meiner Sicht sowieso überteuert, die Fahrt mit dem Tuk-Tuk ist mit 450Rs. dagegen jetzt auch nicht gerade ein Schnäppchen… aber was soll man tun – irgendwie muss ich ja zum Flughafen kommen.

Die Wartezeit bis zum vereinbarten Eintreffen des Tuk-Tuk-Fahrers verbringe ich im Restaurant des Hostels – ebenfalls auf der Dachterrasse des Gebäudes. Irgendwann klingelt dort oben das Telefon und aus mir nicht erklärlichen Gründen habe ich das Gefühl, dass das etwas mit mir zutun hat.

Der Ober, der das Telefon abgenommen hat, steht wenige Augenblicke später bei mir am Tisch und teilt mir mit, dass der Fahrer an der Rezeption unten auf mich warte – gut 40 Minuten vor der vereinbarten Zeit um 13:00 Uhr. Da ich ohnehin nichts anderes mehr vor habe, hole ich meine Rucksäcke aus dem Zimmer und mache mich auf den Weg nach unten.

An der Rezeption verabschiede ich mich gerade von dem einen Rezeptionisten während der zweite mir plötzlich zuraunt, ich solle das Tuk-Tuk direkt bei ihm bezahlen. Ich finde das recht merkwürdig jemandem anderen das Geld zu geben obwohl der Fahrer doch auch anwesend ist. Aber wer weiß, was da vereinbart worden ist. Das einzige, was ich sicher weiß, ist, dass da auch jemand vom Hostel „die Hand offen hält“. Als wir aufbrechen wollen, drückt der Portier dem Fahrer ein Bündel mit Scheinen in die Hand – schwer zu erkennen, wieviel es ist.

Die Gassen der Altstadt sind so verwinkelt und labyrinthisch, dass es auch jemandem mit gutem Orientierungssinn schwer fallen dürfte nach mehreren Richtungsänderungen noch den Überblick zu behalten. Scott und ich haben einmal versucht uns in bester Pfadfinder-Manier nach dem Sonnenstand so orientieren – leider auch nur mit mäßigem Erfolg. Ich laufe also dem Tuk-Tuk-Fahrer hinterher und habe schon nach wenigen Kreuzungen die Orientierung verloren – bleibe aber hart an ihm dran. Nach etwa zehn Minuten erreichen wir eine breitere Gasse, in der auch mehrere Tuk-Tuks stehen. Mein Fahrer fordert mich auf, hier kurz zu warten. Er wäre sofort zurück. Noch in dem Augenblick, in dem er in der Menschenmenge verschwindet, schießt es mir blitzschnell durch den Kopf: Und wenn er jetzt nicht mehr wiederkommt und sich mit dem Geld einfach davon macht? Ich versuche noch, ihm zu folgen – aber er ist wie vom Erdboden verschluckt. Verdammt, denke ich noch, und zudem sehen sich diese Inder auch alle so ähnlich – zumindest für mich in diesem Moment. Er ist weg… und ich stehe da an einer beliebigen Straßenecke irgendwo in der Altstadt von Varanasi… und muss zum Flughafen. Noch drängt die Zeit nicht – man benötigt etwa eine Stunde, das weiß ich ja – aber wer weiß, was da sonst noch so alles schief geht…

Plötzlich hält neben mir ein Tuk-Tuk. Der Fahrer ist nicht mein Fahrer, aber er erzählt etwas in gebrochenen Englisch von Airport und dem Mishra Guesthouse. Woher sollte er das alles wissen? Da gäbe es einfach zu viele Möglichkeiten um einen spontanen Zufallstreffer zu landen. Der Flughafen – da könnte man noch drauf kommen, bei meinem Aufzug. Aber auch noch den Namen des Guesthouse zu erraten? Wir sind bereits in einiger Entfernung zum Mishra und es gibt in dieser Ecke der Altstadt Dutzende solcher Unterkünfte… ziemlich ausgeschlossen also.

Ich schiebe meine zwei Rucksäcke hinten auf die Rückbank und klettere in die fahrbare „Nußschale“. Wir knattern los durch die Gassen… irgendwohin. Doch so spontan die Fahrt begonnen hat, genau so abrupt endet sie auch wieder: Vor einem Call-Shop (einem Laden, in dem man telefonieren kann). Der Fahrer springt aus seinem Gefährt und während er mir noch „Everything okay!“ zuruft, verschwindet er in dem Geschäft. Aha, alles in Ordnung also. Schnell noch der Oma zum Geburtstag gratulieren? Irgendwie bekomme ich ein ungutes Gefühl – einfach aus Erfahrung.

Der Fahrer kommt zurück, startet sein knatterndes Ungetüm und fährt los – jedoch meinem Gefühl nach in die falsche Richtung. Die Frage, ob alles in Ordung sei, bestätigt er wiederholt mit einem „Everything okay!“ Plötzlich ein erneuter Halt, an irgendeiner Straßenecke. Der Fahrer dreht sich in der offenen Kabine zu mir um, stellt mir Fragen nach dem Fahrpreis und nach der Telefonnummer vom Guesthouse. Ich verstehe zwar nicht den Sinn dieser Fragestunde, aber ich krame die Visitenkarte vom Hotel heraus und nenne ihm den von mir bezahlten Preis. Mir ist schon klar, dass er nicht den Betrag erhalten hat, den ich zuvor im Hostel bezahlt habe… aber irgendetwas läuft da gerade ganz gewaltig schief. Als er versteht, dass ich auch kein Mobiltelefon besitze, um im Guesthouse anzurufen, rast er mit mir wieder zurück zu dem Call-Shop. Dort angekommen wieder das nichtssagende „Everything okay!“ und er ist erneut im Laden verschwunden.

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Dann spitzt sich die Lage innerhalb von Sekunden weiter zu: Der vermeintliche Tuk-Tuk-Fahrer, der mich aus dem Hostel abgeholt hat, erscheint auf der Bildfläche. Ich erkenne ihn ganz deutlich wieder. Im gleichen Augenblick steht auch mein Chauffeur wieder draußen vor seinem Gefährt bei ihm. Die beiden gestikulieren wie wild und diskutieren deutlich erregt miteinander. Einige Augenblicke sehe ich dem Schauspiel zu… bis ich aussteige. Ich brülle beide auf Englisch an, sie sollten mich jetzt zum Flughafen bringen sonst würden sie richtigen Ärger bekommen. Der falsche Chauffeur brabbelt etwas von wegen Money und Big Trouble. Ich schreie ihn nur an, dass sie ihre Geldprobleme untereinander klären sollten. Ich hätte für die Fahrt bezahlt und deshalb sollten sie mich umgehend zum Flughafen bringen – jetzt und sofort! Innerhalb von wenigen Augenblicken steht eine kleine Traube von Passanten um unsere Darbietung herum. Einige fangen an auch auf die zwei Tuk-Tuk-Lenker einzureden. Einer der Passanten lächelt mich beruhigend an. Was gesagt wird, erschließt sich mir nicht, jedoch führt es dazu, dass die beiden sich wieder in ihr Gefährt zwängen – ich direkt hinterher. Wir fahren los – auf eine Tour mit ungewissem Ziel.

Der falsche Tuk-Tuk-Fahrer klettert bei einem kurzen Halt im Verkehr zu mir nach hinten auf die Sitzbank, quetscht sich neben mich und meinen Rucksack. Er brabbelt etwas – ich verstehe kein Wort. Er ist mit Sicherheit nicht ganz klar – ich vermute irgendwelche Drogen. Als ich ihn direkt darauf anspreche, lallt er mir nur einen Laut der Zustimmung entgegen. Na wunderbar, denke ich.

Sein Kollege rast mit uns zwei an Bord durch die Straßen. Vereinzelt kann ich mich an Details erinnern, die mir von der Taxifahrt in die Stadt in Erinnerung geblieben sind: Eine Tierhandlung mit Hühnerkäfigen auf der Straße, ein Krankenhausschild. Dann endlich der erlösende Beweis meiner Vermutung: Das Hinweisschild in Richtung Flughafen.

Ich versuche die gesamte Fahrt über ein möglichst ernstes und angespanntes Gesicht zu machen. Die beiden sollen schon deutlich mitbekommen, dass ich extrem gereizt bin. Der Kollege neben mir auf der Rückbank hat dabei ganz andere Probleme: Der ist völlig mit seinem Rausch beschäftigt, schläft immer wieder zwischendurch ein. Kurz vor dem Flughafen springt er dann an einer Kreuzung bei einem kurzen Halt aus dem Tuk-Tuk – wahrscheinlich fürchtet er in seinem Zustand bei den strengen Kontrollen, die bereits im Umfeld des Flughafens durchgeführt werden, aufzufallen.

Der Fahrer setzt mit mir seine Fahrt fort, die Flughafengebäude sind mittlerweile in Sichtweite… bis auch er am Straßenrand anhält und mir erklärt, dass es am Flughafen schnell Ärger gäbe – wahrscheinlich haben die Beamten dort schon einschlägige Erfahrungen auch mit ihm gemacht. Es wären nur fünf Minuten zu Fuss. Dann beginnt er etwas von wegen Money zu faseln, er hätte mich ja schließlich zum Flughafen gebracht. Ich mache ihm unmissverständlich klar, dass er lieber froh sein solle, dass er seine Nase auch weiterhin nach außen tragen dürfte und dass Geld sicherlich das letzte wäre, was ich ihm jetzt noch geben würde (und das in deftigstem Umgangs-Englisch – wofür ist man denn sonst ein Jahr in GB zur Schule gegangen). Kleinlaut verzieht er sich in sein Gefährt und knattert von dannen.

Und ich? Stehe auf irgendeiner Seitenstraße am Flughafen – auch wieder toll! Aber wie der Zufall es so will kommt plötzlich ein Wachmann vom Flughafen auf seinem Dienstmotorrad an mir vorbei. Ich halte ihn an und frage nach dem Weg. Er beginnt zu erklären, doch ehe er noch am Ende seiner Erläuterungen angelangt ist, deutet er auf seine Sitzbank – ich soll aufsteigen! Gemeinsam fahren wir in Richtung Flughafengebäude und alle Schranken öffnen sich – fast wie bei einem Staatsbesuch – vor uns. Direkt vor dem Haupteingang lässt er mich absteigen und lehnt sogar verlegen mein „Dankeschön“-Trinkgeld ab.

Zeitlich liege ich trotz dieser unschönen Episode noch gut „im Rennen“ – bis zum Abflug sind es noch fast eineinhalb Stunden. Ich checke ein und lasse mich in der unterkühlten Wartehalle in einen Sitz fallen. Noch ‚mal alles gut gegangen! Ich atme zum ersten Mal wieder tief durch.

Neben mir im Wartebereich „grantelt“ ausdauernd eine Gruppe von Bayern über die fehlende Logik der indischen Anzeigetafel. Die haben Probleme! Zugegeben: Man hätte das alles etwas übersichtlicher gestalten können… aber die Art sich kontinuierlich wieder und wieder darüber aufzuregen… das ist schon typisch deutsch. Im Freistaat wäre das natürlich sowieso besser gelöst worden, da bin ich mir ganz sicher.

Irgendwann kommt der Punkt, an dem ich diese unsägliche Mischung aus deutsch-typischer Nörgelei und bayrisch-provinziellem Dialekt nicht mehr aushalte. Ich setze mich in eine Gruppe von Indern, die miteinander scherzen und lachen. Das ist mir doch wesentlich angenehmer. Ich glaube nicht, dass die sich über die Anzeigetafel Gedanken machen.

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Mit einer halben Stunde Verspätung hebt die AirIndia-Maschine vom Flughafen Varanasi ab – mit dem Ziel Delhi. Unterwegs sieht man aufgrund des indientypischen Smogs mal wieder nichts… dann verpasst man wenigstens auch nichts.

Am Flughafen von Delhi angekommen will ich die neue AirportMetro in die Innenstadt ausprobieren. Die ist noch moderner als die „normale“ Metro… und bei einem Fahrpreis von 80Rs. für die gesamte Strecke zum Bahnhof Neu Delhi und einer Fahrzeit von etwa 20 Minuten konkurrenzlos zu jedem anderen Verkehrsmittel. Und es will auch niemand nach dem Aussteigen noch einmal über den Fahrpreis mit mir verhandeln. Sehr angenehm!

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Als mich die supermoderne Metro wieder in das alltägliche Chaos des Stadtverkehrs von Delhi „ausspuckt“, da fühlt es sich dort oben schon irgendwie vertraut, fast schon ein wenig wie zuhause an. Die Ecke hier am Bahnhof kenne ich ein wenig. Mit zügigem Schritt laufe ich durch den Bahnhof, durch die Sicherheitskontrolle, dränge dort zwei Inder ab, die sich wohl gedacht haben, dass sie sich leicht bei dem dummen Touristen vordrängeln könnten. Über die Gleisüberführung auf die Seite zum Main Bazar, raus aus dem Bahnhof, den Main Bazar entlang und dann nach rechts in die kleine Seitengasse ohne Namen. Noch in der Tür treffe ich den Chef vom Hotel Namaskar, dem Hotel, in dem ich auch schon früher in Delhi gewohnt habe. Es ist zwar nicht alles hundertprozentig, aber die Menschen haben Herz hier – und das ist mir zur Zeit wichtiger als eine keimfreie Dusche. Das Wiedersehen wird ein großes Hallo – selbst obwohl ich weiß, dass ich nur einer unter vielen Touristen bin. Sofort zeigt man mir ein Zimmer… und wie gesagt: Ein bißchen hat es sich wie nach Hause zu kommen angefühlt… und das in der fremdesten Welt, die ich jemals erlebt habe!

Und morgen werden neue Pläne geschmiedet.

Also: Namaste Euch allen da draußen!

Faule Haut

20. Oktober / Tag 3
Heute gibt es nicht viel zu berichten… und das aus Indien!!! Mir war einfach heute nicht nach Abenteuer. Aber es liegen ja noch einige Wochen vor mir. Da muss einem das ja auch mal gegönnt sein. So habe ich den Großteil des Tages in meinem Zimmer herumgelungert, mal geschlafen, dann etwas für den Blog geschrieben, im Reiseführer gelesen, Zeit in der „Hotel-Lobby“ verbracht (wobei Lobby jetzt auch etwas zu viel verspricht. Das ist hier einfach der Raum, den man als erstes betritt, wenn man von der Straße hereinkommt)… nur zum Essen bin ich dann vor die Tür gegangen. Und es gab – wer hätte es auch gedacht – natürlich was indisches: Chicken Punjabi mit einer Prise frischem Koriander! Fantastisch! Auch nicht zu scharf… gerade richtig. Aber ich denke, der Koch wird schon die Order erhalten haben, ob er das Essen für Dilliwalas (so heißen die Einwohner von Delhi) oder für Fremdlinge zubereiten soll.
Morgen geht es aber dann wieder auf Tour. Ich bin ja nicht zum Vergnügen hier…

Namaste!

Indien erwacht

19. Oktober / Tag 2

Schon früh ist im Hostel „der Bär los“ – geschäftiges Treiben. Mein Zimmer im Erdgeschoss (Preis 400 Rs) ist natürlich prädestiniert das alles hautnah mitzubekommen. Heute würde ich jedoch ein Zimmer in den oberen Geschossen des Hauses bekommen – hatte man mir gestern zugesichert. Es wird zur Zeit renoviert und man muss wohl etwas improvisieren. Das lässt mich – was den Zustand des Zimmers angeht – wieder hoffen.

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Die ersten Schritte in die „neue Welt“. Alles ist anders: Durch die engen Gassen des labyrinthischen Quartiers – vielleicht maximal zwei Meter breit – schlängeln sich Fußgänger, Motorräder, Motorroller… Schon werde ich von hinten angehupt – zur Warnung. Ich weiß ja, dass es freundlich gemeint ist, es gehört einfach zum System „Verkehr“ dazu. Aber sonst alles halb so schlimm, die Vietnamesen sind da aus meiner eigenen Erfahrung wesentlich „forscher“ unterwegs. Auf der Hauptstraße: Geschäfte über Geschäfte. Vereinzelte Händler und Schlepper sprechen mich an, versuchen ihre Waren oder Dienstleistungen „an den Mann“ zu bringen, verlieren aber schnell nach meiner ablehnenden Reaktion das Interesse an mir. Auch alles halb so wild: Diese Straße ist ein „Schwerpunkt“ der Backpacker-Szene in Delhi. Wer will es da dem einen oder anderen geschäftstüchtigen Inder verübeln, dass er hier Ausländer anspricht. Und diese zu identifizieren fällt nun wahrlich nicht schwer.

Ich suche eine Bäckerei „um die Ecke“, die der Reiseführer empfiehlt. Fühle mich schon noch sehr gerädert von der Reise. Was der Tag wohl noch so bringt?

Abends, nach der Rückkehr ins Hostel. Was für ein Tag! Als Motto heute würde ich wohl „Menschen, Menschen, viele, viele Menschen“ wählen. Auf dem Weg zum „Roten Fort“ bin ich durch Delhis Straßen gestreift, wobei die Bezeichnung „Straßen“ teilweise etwas hoch gegriffen ist und in keiner Art unserer Definition entspricht. Nennen wir es doch einfach „Das, was dazwischen übrig bleibt, wenn man Häuser baut“. Und überall sind Menschen, viele, viele Menschen. Es ist ständig eng, man ist permanent gefragt aufzupassen, wohin man läuft, ist ständig unter Anspannung, versucht ständig den entgegenkommenden Passanten auszuweichen, nicht zusammenzustoßen, während man von hinten schon vorwärts gedrückt wird. Aber es funktioniert. Körperkontakt bleibt doch weitgehend die Ausnahme. Mit teilweise schon artistischen Verenkungen bewegen sich die einzelnen Individuen aneinander vorbei.

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Der Straßenverkehr folgt ähnlichen Prinzipien, wobei es die Inder schon „etwas gemütlicher angehen lassen“ als zum Beispiel auch die hektischen Vietnamesen. Der Verkehr setzt sich zum Großteil aus Autos, Tuk-Tuks, Motorrädern und Fahrrad-Rickshaws zusammen. Wobei Motorräder und gerade auch Motas deutlicher in der Minderzahl sind. So ist das Queren der Fahrbahn problemlos möglich. Ich habe hier das Phänomen beobachtet, dass es immer wieder zu kleinen „Verstopfungen“ auf der Straße kommt: Irgendwer fährt einfach mit seiner Fahrrad-Rickshaw auf die Straße ohne auch nur im entferntesten auf den Verkehr zu achten. Alle bremsen, einer bleibt stehen, die Fußgänger „wittern“ ihre Chance, „fluten“ von den Seiten die Straße, strömen durch alle Lücken zwischen den anderen Verkehrsteilnehmern hindurch, verursachen ein völliges Erliegen des Straßenverkehrs. Wenn der erste „Druck“ des Fußgängerstroms nachlässt, nimmt der Verkehr langsam wieder Fahrt auf… bis zur nächsten Unterbrechung.

Auffällig ist auch das weitgehende Fehlen von Frauen im Straßenbild. Ich habe keine Ahnung, ob heute vielleicht der indische „Tag der Frau“ war und alle Männer morgens zu ihren Lebensgefährtinnen gesagt habe: „Schatz, lass mal… heute mach‘ ich den Einkauf!“ Aber es ist deutlich wahrnehmbar. Ich werde sehen, ob es morgen anders ist…

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Nach meinem Besuch im „Roten Fort“ von Delhi, bei dem ich mich ausführlich dem Fotografieren gewidmet habe… und ich mir mit meiner Untere-Mittelklasse-Digitalkamera aufgrund vieler ehrfurchtsvoller und interssierter Blicke fast wie ein Starfotograf vorkommen durfte. Vielleicht lag es ja auch daran, dass ich auf der Suche nach dem optimalen Bildausschnitt mich auch gerne ‚mal auf den Boden knie oder lege oder irgendwo drauf klettere… Das „Licht“ war fantastisch – und das ist jetzt nicht nur eine Floskel!

Der Rückweg zum Hostel bereitete mir eine Erfahrung der besonderen Art. Nachdem ich mich immer schleppender durch die abendliche Rush-Hour kämpfte, fiel mir spontan ein Bericht über die neue Metro ein, der U-Bahn von Delhi – eingeführt um dem Chaos auf den Straßen zu begegnen. Also genau das, was ich jetzt brauchte. Der Eingang am Bahnhof von Old Delhi Station war schnell gefunden, der Treppenabgang offerierte mir den Zugang in eine andere Welt, ja fast in ein Paralleluniversum: Heller Naturstein, Aluminium, Glas, akzentuierte Beleuchtung – eine moderne Großstadt-U-Bahn. Auch trotz des Fahrpreises von umgerechnet wenigen Cents entspricht das Klientel der U-Bahn nicht der Mixtur auf der Straße: Hier ist man umgeben von ausgesprochen westlich gekleideten Inder der Mittelklasse. Die Züge fahren in engem Takt, sind schnell und sauber. Wirklich genau das Gegenteil zur Welt darüber! Am Bahnhof New Delhi Station verlasse ich diese Scheinwelt wieder, kann aber jedem Delhi-Reisenden, dem das Chaos in den Straßen zu viel ist, nur raten, sich für einige Augenblicke der Entspannung in dieses Reich zurückzuziehen.