Schlagwort-Archive: Tag 37

Bijapur – Im touristischen Funkloch

20150119-212632.jpg

19. Januar – Tag 37

Meinen Plan heute um 6:00 Uhr aufzustehen, habe ich – als der Wecker klingelt – dann doch noch mal über den Haufen geworfen… mal ganz davon abgesehen, dass es draußen noch dunkel war.

Heute steht als erstes das Gol Gumbaz-Mausoleum auf meiner Liste. Und weil ich gestern Abend gesehen habe, was für Besuchermengen da unterwegs sein können, hatte ich mir vorgenommen dort früh am Morgen zu sein.

Als ich schlussendlich um 8:00 Uhr durch die Pforte das Gelände betrete, sieht es auch noch ganz entspannt aus… und jetzt taucht zudem die aufgehende Sonne die ganze Szenerie in eine wunderschöne Lichtstimmung – ideal zum Fotografieren!

20150119-211931.jpg

Das Gol Gumbaz-Mausoleum wurde Ende der Adil-Shahi-Herrschaft im 17. Jh. errichtet und ist ein passendes gigantomanes Denkmal für eine kurz vor dem Niedergang stehende Dynastie. Die kubische Grabstätte – immerhin sieben Stockwerke hoch – wird gekrönt von einer riesigen Kuppel mit 36 Metern Durchmesser – nach dem Petersdom in Rom die zweitgrößte der Welt! Die Deckenhöhe im Inneren beträgt stolze 50 Meter! Beeindruckende Dimensionen, die – und daher rührt der Vergleich von Bijapur mit Agra – mit dem Taj Mahal durchaus mithalten können… wenngleich auch dieses Meisterwerk der Architektur in seiner Ornamentik und Proportion dem doch eher klobigen Gol Gumbaz natürlich ohne Mühe den Rang abläuft. Aber einen Besuch wert ist das Gol Gumbaz allemal!

Mein Rundgang führt mich dann weiter zur Jama Masjid-Moschee – ebenfalls erbaut von Ali Adil Shah – einem schlichten und zurückhaltenden Bau, der als eine der schönsten Moscheen Indiens gilt.

20150119-212110.jpg

Ich laufe weiter zum Mithari Mahal, welches – trotz seines bescheidenen Umfangs – durch seine reich verzierten Fenster und Minarette als eines der schönsten Gebäude Bijapurs bezeichnet wird. Es geht ebenfalls zurück auf Ali Adil Shah. Leider befindet sich dieser „Palast“ in einem sehr schlimmen Zustand und die benachbarten Gebäude wurden relativ hemmungslos einfach „angebaut“. Wirklich schade!

20150119-212221.jpg

Dass ich hier noch touristisches Niemandsland betrete, macht sich in zweierlei Hinsicht deutlich: Einerseits kann man die westlichen Touristen in der Stadt wirklich noch an zwei Händen abzählen, andererseits sind die meisten Denkmäler, die aus meiner Sicht schon von erheblichem historischen Wert sind, allesamt in einem traurigen Zustand – mal einzig abgesehen vom Gol Gumbaz. Bijapur hat so viel zu bieten, aber so wirklich macht noch niemand etwas draus.

Gerade zum Beispiel auch die Befestigungsanlagen der alten Zitadelle fristen teilweise einen „Dornröschenschlaf“ und sind von meterhohem Grünzeug eingewachsen. An anderer Stelle haben sich dort einfach andere Nutzungen „eingenistet“.

20150119-212350.jpg

Nicht, dass ich aus der Stadt ein steriles Freilichtmuseum machen wollte – aber etwas mehr Pflege und ein wenig mehr Wertschätzung dieser Kulturschätze würden Bijapur sehr zugute kommen! Sicherlich spielt Geld dabei auch eine entscheidende Rolle – das ist mir schon bewusst. Das alte Problem halt…

Ich kann mich ja mal bewerben – als Direktor für Denkmalschutz und Tourismus… nur so eine Idee!

Mein Abendessen versuche ich dann im Hotel-eigenen Restaurant einzunehmen… was sich etwas schwierig gestaltet! Nachdem wir die Getränkefrage als erstes klären konnten, bringt mir der Kellner eine Flasche Sprite, gießt mir ein kleines Glas voll ein und zieht mit der noch halb vollen Flasche wieder ab. Aus der Distanz sehe ich, wie er sie in den Kasten mit dem Leergut stellt. Hmm… schon mal merkwürdig! Danach geschieht erstmal gar nichts mehr! Man lässt mich einfach so am Tisch sitzen… und erst auf meine direkte Nachfrage hin bringt man mir die Speisekarte. Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass ich zu diesem Zeitpunkt der einzige Gast bin. Aber dafür sind Restaurants doch da… dass man etwas isst! Oder habe ich da was falsch verstanden? Die Speisekarte wird mir gebracht… und innerhalb von Sekunden habe ich direkt drei Kellner am Tisch stehen, die mir zusammen die Speisekarte vorlesen! Nun gut… des Lesens bin ich ja durchaus mächtig – so hin und wieder mal. Auf meine Nachfrage, was denn das eine oder andere der aufgezählten Gerichte genau sei, ernte ich Ratlosigkeit! Man versucht die eine Speise mit der anderen zu erklären: Das ist doch so wie… Aber da ich keines der beiden Gerichte kenne, hilft mir das recht wenig weiter. Am Ende entscheide ich mich für eine Art Blumenkohl-Curry – da weiß ich, was mich erwartet. Dafür steht das Essen dann innerhalb weniger Minuten auf dem Tisch… Kompliment! Das ging schnell!

Aber man hat schon manches Mal das Gefühl, dass hier einige ständig ihren ersten Tag haben… sei es nun Unsicherheit einem westlichen Gast bzw. Kunden gegenüber oder wirklich die mangelnde Vorstellung davon, was denn jemand von einer bestimmten Dienstleistung erwartet. Aber irgendwie ist das ja auch niedlich – und ich sehe das alles mit Gelassenheit und viel Humor!

Morgen geht es dann noch mal Richtung Süden – ich habe meine Pläne geändert! Bijapur bietet jetzt doch nicht genug Sehenswertes für weitere zwei Tage… und so werde ich mich in der Frühe in den Zug setzen und nach Badami fahren – angeblich zwei Stunden von hier entfernt. Ich werde berichten, was es dort zu entdecken gibt.

Namaste! … wo immer ihr auch gerade seid!

Advertisements

Ahmedabad – Architek-Tour

20111125-135957.jpg

23. November / Tag 37

Nachdem meine Stimmung gestern aufgrund des ganzen Chaos, des Drecks und Gestanks überall und der vielen Menschen wirklich auf dem Nullpunkt angelangt war, sieht die Lage heute Morgen zum Glück schon wieder etwas entspannter aus.

Wie der Zufall es so will, blättere ich noch auf meinem Zimmer im Reiseführer und stoße auf den Hinweis auf einen Herren, der Architekturführungen in Ahmedabad anbietet. Volltreffer! Das ist mein Mann! Vom Hotel aus rufe ich direkt die angegebene Telefonnummer an und verabrede ein Treffen für zehn Uhr.

20111125-135926.jpg

Vorher frühstücke ich aber noch. Es gibt Chai vom Straßenhändler und ganz klassische Makronen-Plätzchen – wie zu Weihnachten – aus einem Laden, der ausschließlich Plätzchen und feine Backwaren verkauft. Dann noch schnell ins Internetcafé – in einem Keller-ähnlichen Raum mit jeder Menge offensichtlich selbst zusammengebastelter Computer. Ahmedabad ist wirklich technisches Niemandsland. Nicht, dass hier noch getrommelt wird oder abends auf der Straße noch die Gaslaternen angezündet werden… aber es gibt weit und breit nur zwei Internetcafés… von Wireless LAN mal ganz zu schweigen! Man merkt halt deutlich, dass die Stadt nicht auf Touristen (und deren Bedürfnisse) ausgerichtet ist. So müsst ihr Euch vorerst einmal meine letzten Postings ohne Bilder zu Gemüte führen. Aber ich liefere alles nach sobald die Technik wieder steht… und heute Abend geht’s ja ohnehin nach Mumbai… da wird’s dann bestimmt wieder besser.

Ich treffe mich mit meinem heutigen Fremdenführer vor einem Hotel in der Nachbarschaft. Er heißt Mohammed und zeigt mir direkt voller Stolz „seinen“ Artikel in der ZEIT, die über die Architektur der Moderne in Ahmedabad und auch seine Führungen berichtet hat. Und dann geht’s direkt los…

Ich erspare Euch jetzt ‚mal weitere Einzelheiten der Besichtigungstour – nur kurz zur Vollständigkeit (und für alle mitlesenden Architekten) eine Auflistung der bekanntesten Gebäude, die wir aufgesucht haben:

Mill Owners‘ Association Building (Le Corbusier), Guffa Underground Gallery (Doshi), Shodhan Villa (LC), Indian Instititute of Management (Kahn), Sanskar Kendra Museum (LC).

20111125-140041.jpg

Auffällig ist bei den aktuellen Neubauten, die meist von indischen Architekten stammen, dass sie in der Regel nicht über das „Vokabular“ der Moderne hinausgekommen sind… die dort verwandten Stilmittel jedoch eher wie bei einer Collage „zusammenwürfeln“. Die ganze „Soße“ wird dann noch mit indischen Ornamenten verquirlt… fertig! Ein ziemlicher Humbug – aber nur meine Meinung! Es fehlt einfach so etwas wie eine eigene baukulturelle Identität… auch obwohl die Vergangenheit doch reichlich Anknüpfungspunkte bieten würde. Aber stattdessen entstehen Glaspaläste nach westlichem Vorbild, die dann mit immensem Aufwand runter gekühlt werden müssen…

Gute vier Stunden waren wir unterwegs. Wen es interessiert: Die Architektur-Tour kostet 500Rs. (7,20 Euro) – nicht ganz billig für indische Verhältnisse. Aber erstens kennt Mohammed den Weg zu allen Bauwerke „im Schlaf“ und zweitens hat er auch einen guten Draht zu den Eigentümern bzw. deren Wachleuten… sonst käme man z.B. gar nicht auf das Grundstück der Shodhan Villa. „Auf eigene Faust“ wäre diese Tour allein deshalb wahrscheinlich schon gar nicht machbar… oder nur mit einem ziemlichen Aufwand. Ich habe es auf jeden Fall sehr genossen von einem zum nächsten Gebäude „kutschiert“ zu werden… alles sehr entspannt! Also genau richtig nach dem Tag gestern.

Eine kurze Anekdote noch am Rande: Während ich in der Hotel-Lobby sitze und dies hier aufschreibe, läuft der Fernseher. Als ich irgendwann zum Bildschirm aufsehe, läuft eine Art Teleshopping-Sendung. Es scheint um das Thema Gesundheit zu gehen… und ein Wunderprodukt namens „Sandhi Sudhai“ – in der Flasche. Und dann kommt das wirklich Unglaubliche: Eine Oma im Rollstuhl wird ins Studio gefahren und kann plötzlich wieder aufstehen und laufen, ein Opa mit Gehstock bekommt diesen von einem Jörg Drägger-„Look-a-like“-Moderator abgenommen und ist wieder „quietschfidel“! Die medizinische Wirksamkeit wird dann im Anschluss direkt von einem Herren bestätigt, der dem Fußballtrainer Christoph Daum zum Verwechseln ähnelt. Gottgleiche Kräfte gibt’s dann auch schon in der Dreierpackung für 2.950Rs. – aber irgendwie kommt mir die Geschichte doch etwas geklaut vor… Na, den ganzen Hindus hier wird’s wohl nicht weiter aufgefallen sein! Ich glaube übrigens, bei „Sandhi Sudhai“ handelt es sich um so eine Art Frantzbrandwein – zumindest muss man sich ordentlich die Beine damit einreiben. Sollte jemand von Euch Interesse habe, kann ich bestimmt noch die Telefonnummer der Bestell-Hotline herausfinden…

Gegen neun Uhr mache ich mich dann auf den Weg zum Abfahrtsort des Busses, der mich nach gut zehn Stunden Fahrt durch die Nacht nach Mumbai bringen soll. Der Bus fährt vom Büro der Busgesellschaft ab, das etwas außerhalb der Stadt liegt… man könne die Strecke aber auch bequem zu Fuß gehen… meint der Portier im Hotel. Solchen Aussagen ist generell – wie ich mittlerweile feststellen mußte – mit größter Skepsis zu begegnen: Rechts und links gehen da schnell ‚mal durcheinander, Entfernungen sind sowieso immer relativ und Stadtpläne werden von den meisten hier wohl eher als moderne Kunst interpretiert, als dass sie der Orientierung dienen könnten. Aufgrund meines „Gewaltmarsches“ auf dem Weg hin zum Hotel, gönne ich mir jetzt einfach ‚mal eine Motor-Rikscha. Ich wuchte also mein Gepäck in die „Nussschale auf Rädern“ und wir knattern los. Etwa für fünf Minuten deckt sich unser zurückgelegter Weg mit der Beschreibung des Portiers… doch an der angeblichen Bushaltestelle fährt mein Chauffeur einfach weiter geradeaus… immer die Straße entlang. Ich mache mir keine Sorgen, dass er irgend eine „krumme Tour“ mit mir vor hat… warum sollte er auch? Und nach weiteren zehn Minuten setzt er mich genau vor dem Büro der Busgesellschaft ab. Wäre ich gelaufen, dann hätte ich unter Garantie den Bus verpasst und wäre „fix und fertig“ gewesen. Soweit zur Einschätzung des Hotelangestellten…

Der Bus hat eine halbe Stunde Verspätung und trifft erst gegen 22:30 Uhr ein. Aber nachdem das Gepäck der zusteigenden Passagiere verstaut ist, setzt sich das Gefährt auch unmittelbar in Bewegung – Richtung Mumbai. Und ich bin extrem gespannt, was mich dort wohl erwarten wird.

Auf jeden Fall Euch allen da draußen ein liebes „Namaste“ und passt auf Euch auf!

___
Architektur-Führungen in Ahmedabad: Mohammed Malik (Tel. 91-9825945393)